Türkischer Einmarsch: Kurze Analyse zu den Kriegsparteien TSK/FSA und YPG/SDF in Nordostsyrien

Am 9. Oktober begann die türkische Armee (TSK) mit Verbündeten der Freien Syrischen Armee (FSA) mit ihrem Angriff auf Städte, die von der kurdischen YPG und Verbündeten im Bündnis der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) gehalten werden. Die Offensive trägt den Namen „Operation Friedensquelle“. Zuvor hatten US-amerikanische Streitkräfte, die seit dem Kampf gegen die Terrororganisation IS dort stationiert worden waren, das Grenzgebiet von Nordostsyrien verlassen. Um die Geschehnisse besser einordnen zu können, sollen die Kriegsparteien kurz analysiert werden.

Zur kurdischen YPG und deren Verbündeten

Auf der Seite der Angegriffenen steht die Koalition SDF, die aus kurdischen, arabischen, aramäischen und armenischen Milizen besteht. Die hierbei absolut dominante Fraktion sind die sogenannten „Volksverteidigungseinheiten“ der kurdischen YPG. Diese ist der bewaffnete Arm der in Nordostsyrien herrschenden PYD, dem syrische Ableger der Terrororganisation PKK. Die PYD beherrscht das von ihr „Rojava“ genannte Gebiet nach den Prinzipien des sog. „Demokratischen Föderalismus“ des in der Türkei inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan. Diesen verehrt die PYD als „Serok Apo“ (kurd. „Führer Apo = Öcalan“). Auf die Ideologie der PKK und der PYD kann hier nicht ausführlicher eingegangen werden. Aus türkischer Perspektive wird die Errichtung einer defacto staatlichen Entität unter der Herrschaft eines PKK-Ablegers an der eigenen Grenze als inakzeptabel angesehen, die Aufrüstung der YPG durch den NATO-Verbündeten USA im Zuge des Anti-IS-Einsatzes daher äußerst kritisch betrachtet. Allerdings halte ich persönlich innenpolitische Beweggründe (Machtverlust in Ankara und Istanbul, syrische Flüchtlinge in der Türkei) für den jetzigen Angriff auf die YPG durch Erdogan für ausschlaggebend. Aus Perspektive der YPG und unabhängiger internationaler Beobachter handelt es sich um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg.

Sich selbst stellt die PYD als Partei dar, die in Nordostsyrien ein autonomes Gebiet mit Basisdemokratie, Gleichberechtigung für alle religiöse und ethnische Gruppen und Frauenemanzipation errichten möchte. Kritiker hingegen werfen ihr die Errichtung eines autoritären Regimes vor. Im Jahr 2014 erschien ein 104-seitiger Bericht von Human Rights Watch zu Menschenrechtsverletzungen in den von der PYD kontrollierten Gebieten. Human Rights Watch schreibt dabei von „willkürliche Festnahmen von politischen Gegnern der PYD, die Misshandlung von Häftlingen und ungeklärte Entführungs- und Mordfälle“.

Amnesty International wirft der Miliz seit 2015 ethnische Säuberungen und die Vertreibung Tausender arabischer Zivilisten vor. Dabei handelte es sich nicht, nur um Angehörige von IS-Kämpfern. Zwar verweist die YPG hierbei auf einen Bericht des UN-Menschenrechtsrates, der die Angaben von Human Rights Watch und Amnesty nicht bestätigen wollte. Doch handelt es sich bei diesem nicht um ein politisch unabhängig agierendes Gremium, geschweige denn eine Menschenrechtsorganisation. 

Weiterhin wird der YPG die Rekrutierung von Kindersoldaten vorgeworfen, wobei die Führung der Partei PYD in einer Antwort beteuerte, dass sie sich dazu verpflichtet fühle, keine Kinder unter 16 generell und unter 18-Jährige als offensiv operierende Soldaten zu rekrutieren. Innerkurdisch geht die die PYD nach einem Bericht von Human Rights Watch aus dem Jahre 2018 weiterhin gegen oppositionelle kurdische Gruppen vor und inhaftiert diese.

Kooperationen der YPG mit dem Assad-Regime

Für den jetzigen Konflikt nicht unbedeutend ist die zeitweise Kooperation der YPG mit dem Assad-Regime. Seit 2012 kommt es immer wieder einerseits zu Kämpfen und andererseits zu Bündnissen zwischen der YPG und der FSA, bei denen auch Islamisten involviert waren. Im Folgenden wird ausschließlich auf die jüngsten Ereignisse eingegangen. Unrühmliche Rolle spielte die YPG bei der Einkesselung von Ost-Aleppo, indem sie aktiv dem Assad-Regime geholfen und Einheiten der FSA angegriffen hatte, was die Versorgungslinien nach Ost-Aleppo abschnitt. Ost-Aleppo sollte, so das Kalkül des Regimes, ausgehungert und mürbe gemacht werden. Gleichzeitig warf die Luftwaffe des Regimes Tausende Fassbomben auf den von unterschiedlichen Rebellengruppen kontrollierten Ostteil der Stadt. 2016 besetzte die YPG die arabischen Städte Minnigh und Tel Rifaat, half bei der Schließung der Castello Road als einziger Versorgungsroute nach Ost-Aleppo.

 

Das Video soll eine Parade der YPG in Afrin zeigen, bei der getötete Kämpfer der FSA aus Tel Rifaat präsentiert werden.

Die FSA musste daher einen Drei-Fronten-Krieg kämpfen: Gegen Assad, IS und YPG. Dies haben weite Teile der FSA und der zivilen syrischen Opposition der PYD und der YPG nie verziehen.

Arabische Verbündete der YPG: Eine fragile Allianz

Insbesondere im Zuge des Aufstiegs dschihadistischen Terrororganisationen, wie die Nusra-Front oder der IS, spaltete sich die FSA auch hinsichtlich der YPG. Zahlreiche Einheiten schlossen sich mit der YPG in zur Koalition „Syrische Demokratische Kräfte“ (SDF) zusammen. Dazu gehören beispielsweise die Brigade Shams al-Shamal, Dschaisch al-Thuwar oder Thuwar Raqqa. Sogar Kämpfer der islamistischen Liwa al-Tawhid verbündeten sich darin mit der YPG (Eine brauchbare Liste der Einheiten findet sich auf Wikipedia). Auch bei der Schlacht von Raqqa beteiligten sich FSA-Brigaden an der Seite der YPG. Der Militärrat der Stadt Manbidsch wurde unter Beteiligung der FSA-Liwa al-Shamal gebildet.

Logo_of_the_Northern_Sun_Battalion-2
Logo der mit der YPG verbündeten „Liwa al-Shamal“ mit Revolutionsflagge

Gerade das Verhältnis zwischen YPG und diesen arabischen Brigaden aus dem bewaffneten Widerstand gegen das Assad-Regime ist äußerst fragil. Das Gebiet „Rojava“ ist inzwischen mehrheitlich arabisch wird jedoch durch die kurdische PYD/YPG dominiert. Immer wieder kommt es zu Konkurrenz, Festnahmen, Brüchen des Bündnisses oder gar Gefechten. Bei der ersten türkischen Offensive in Nord-Aleppo desertierten Teile der mit der YPG verbündeten FSA-Brigade Liwa al-Tahrir zur mit der Türkei verbündeten FSA. Die syrische Oppositionsgruppe Raqqa Is Being Slaughtered Silently, die während der Herrschaft des IS im Untergrund gegen den IS arbeitete, positionierte sich gegen eine Herrschaft der PYD und dokumentiert regelmäßig Menschenrechtsverstößte und Repressalien der YPG und verbündeter arabischer Milizen.

Diese Einheiten kämpfen nach wie vor unter der grün-weiß-schwarzen Flagge der syrischen Revolution. Den Deal mit dem Assad-Regime, den die YPG im Zuge der aktuellen türkisch geführten Offensive schloss, dürfte ein Großteil dieser Gruppierungen nicht akzeptieren. Es ist sogar anzunehmen, dass wie bereits bei der letzten türkischen Offensive, mit der YPG verbündete FSA-Brigaden zu den mit der Türkei verbündeten FSA-Brigaden überlaufen. In Tabqa und anderen Städten kommt es vermehrt zu Demonstrationen gegen einen Deal mit dem Regime.

Türkische Truppen und Freie Syrische Armee

Neben den regulären Streitkräften des türkischen Staates kämpfen eine Vielzahl von Milizen an der Seite der Türkei. Diese machen wahrscheinlich den Großteil der Bodentruppen in diesem Krieg auf türkischer Seite aus, sodass türkische Soldaten vorwiegend als Spezialeinheiten oder aus der Luft operieren.

Als Verbündete der türkischen Armee allgemein die Freie Syrische Armee (FSA) angegeben. Dies ist nur bedingt richtig. Die von der FSA angeführte Syrische Nationalarmee (SNA) umfasst nämlich noch viel extremistischere Gruppierungen. Teil der Koalition ist die national-salafistische Ahrar al-Sham-Miliz, die in Deutschland als Terrororganisation eingestuft wird. Sie wollte in Syrien stets einen „islamischen Staat“ nach eigenen Vorstellungen aufbauen und lehnt Demokratie als angeblich „unislamisch“ strikt ab. Ende 2013 schloss sie sich mit anderen islamistischen Gruppierungen zur Islamischen Front zusammen und bekannte sich in einer Charta zu den oben genannten politischen Zielen.

Eine sich selbst zur FSA zählende Formation ist die extremistisch islamistische Gruppe „Ahrar al-Sharqiyya“. Ihre Rhetorik erinnert weniger an die FSA als an die von al-Qaida. In Konvois wird sie häufig mit dschihadistischer Kampfmusik gezeigt.

Sie spricht davon gegen „Ungläubige“ (kuffar) und „Abtrünnige“ (murtaddun) kämpfen zu wollen, was dem Weltbild der al-Qaida und des IS entspricht. Ahrar al-Sharqiyya werden auch Kontakte zu dschihadistischen Organisationen in Idlib vorgeworfen. Seit Beginn der Offensive kursieren immer wieder brutale Videos von Angehörigen der Miliz. Andere Islamisten filmen sich beim Schänden von toten YPG-Kämpfern.

Kämpfer der FSA wurden von der YPG 2016 aus Tel Rifaat und Minigh vertrieben. Racheverbrechen durch solche Einheiten sind daher wahrscheinlich. Schwere Kriegsverbrechen durch Milizionäre von FSA-Brigaden an kurdischen Kämpfern und Zivilisten sind von Amnesty International hinsichtlich der Offensive in Afrin seit Januar 2018 eindeutig belegt worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete im Zuge der aktuellen türkischen Offensive gegen die YPG bereits nach wenigen Tagen von schweren Menschenrechtsverletzungen durch arabische Verbündete der Türkei. In einem Video ist zu sehen, wie Angehörige der Ahrar al-Sharqiya zuvor festgenommene Kämpfer der YPG am Straßenrand erschießen. Auch die Ermordung der syrisch-kurdischen Politikerin Hevrin Khalaf zusammen mit weiteren Zivilisten wird der FSA zur Last gelegt. Unverpixelte Videos mit ihrem Leichnam kursierten vielfach auf Twitter, wurden allerdings schnell wieder gelöscht. Ein bearbeitetes und verpixeltes Video ist bei der italienischen LaPresse zu sehen. Darin bekennt sich der Filmer zur zweiten Brigade der FSA-Gruppe Sultan Murad. (Unverpixeltes Video hier)

Die 2018 aus Damaskus vertriebene salafistisch-extremistische Dschaisch al-Islam (ausführlicher hier), früher mit Ahrar al-Sham Teil der salafistischen Islamischen Front, schloss sich ebenfalls der Offensive an und schickt ihrerseits Kämpfer, um an der Seite der Türkei zu kämpfen. Dschaisch al-Islam fungierte einst als Proxy von Saudi-Arabien in Syrien und wollte in Damaskus eine salafistische Diktatur errichten. Der Gründer dieser Miliz war Zahran Alloush, ein extremistischer Prediger, der 2011 in einer Amnestie vom Assad-Regime freigelassen wurde und sofort eine salafistische Miliz aufbaut, die in Konkurrenz zur damals zivilstaatlich ausgerichteten Freien Syrischen Armee stand. Diese Gruppierung, Liwa al-Islam, schloss sich mit weiteren extremistisch-salafistischen Brigaden zu Dschaisch al-Islam zusammen. Alloush, inzwischen tot, erregte durch eliminatorischen Hass auf Schiiten und radikale Ablehnung der Demokratie als Staatsform Aufsehen. Saudi-Arabien positioniert sich inzwischen gegen die Türkei und auf Seiten der YPG, hat sich mit Assad in Syrien abgefunden und die alten salafistischen Proxys fallen gelassen. Inzwischen ist Dschaisch al-Islam auch Teil der Syrischen Nationalarmee (SNA) unter Oberbefehl der Türkei.

Aus Angst vor den extremistischen Brigaden hat sich der aramäische Militärrat in einer Videobotschaft gegen den Einmarsch der Türkei positioniert. Man befürchtet Übergriffe extremistischer Islamisten.

Verkompliziert wird die Lage nochmals dadurch, dass die gemäßigtere Hamza-Brigade, die in der Vergangenheit zwar mit der Türkei verbündet aber mit Ahrar al-Sharqiya erbittert verfeindet ist, eigens kurdische Brigaden aufstellt, die an der Seite der TSK und FSA nun gegen die kurdische YPG kämpft. Dadurch möchte die Türkei einerseits dem antikurdischen Image entgegenwirken aber auch innerkurdische Opposition gegen die PYD und YPG für sich nutzen.

Am 18. Oktober veröffentlichte Amnesty International einen Bericht zu Kriegsverbrechen der Türkischen Armee und verbündeter Milizen. Darin nahm Amnesty Bezug auf die Ermordung der oben erwähnten kurdischen Politikerin, Vertreibung von Zivilisten und Angriffe auf Wohngebiete.

Assad als der eigentliche Gewinner

Mit dem Abzug der amerikanischen Truppen und dem neuen türkischen Einmarsch haben sich die Machtverhältnisse in Syrien erneut grundlegend verändert. Der Deal der PYD mit dem Assad-Regime, das Vorrücken der Regimetruppen in die bis dato defacto autonom regierte Region Nordostsyrien bedeutet gleichzeitig das Ende des Projekts „Rojava“. Die YPG und deren arabische Verbündete haben als Machtblock erheblich an Einfluss eingebüßt. Das Bündnis droht zu zersplittern. Die eigentlichen Sieger sitzen in Damaskus und Moskau. Trump hat dem Despoten Putin eine geostrategisch bedeutende Region einfach so überlassen, ein historisches Ereignis, das seinesgleichen sucht. Mit Erdogan teilt sich Putin diesen Landstrich nun nach kolonialistischer und imperialistischer Manier auf. Der Diktator al-Assad ist der lachende Dritte im Kampf zwischen der Türkei und der YPG. Während er noch Mitte 2017 nicht mehr als 25% des syrischen Territoriums beherrschte, sitzt er heute wieder fest im Sattel. Auch die ethnischen Gräben zwischen Arabern, Kurden und Türken werden durch die jetzigen Ereignisse vertieft, entgegen allen Beteuerungen der unterschiedlichen Seiten.

3 Gedanken zu „Türkischer Einmarsch: Kurze Analyse zu den Kriegsparteien TSK/FSA und YPG/SDF in Nordostsyrien

    1. Vielen Dank für diese Übersicht. Ist in nächster Zeit ein Artikel zur Ideologie der PYD und der PKK abzusehen bzw. wo könnte man einen Übersichtsartikel hierzu finden?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s