„Ich würde ja gern mal den Koran lesen“ – Aber wie?

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Zahlreiche Personen würden sich gern intensiver mit dem Islam befassen und wollen daher „mal den Koran lesen“. Wenn es um heilige Bücher geht ist der Großteil der Deutschen von der Bibel geprägt. Obwohl auch der Koran aus dem selben Kulturraum stammt wie einst die Bibel, ist er ganz anders gegliedert und angeordnet. Jeder benötigt daher wenigstens rudimentäres Rüstzeug, um etwas verstehen zu können. Viele verwirrt oder verwundert ein erster Blick in den Koran das und lässt sie eventuell wieder davon Abstand nehmen. Um das zu vermeiden gibt es im folgenden eine kleine „Koran-Einsteigehilfe“.

Was bedeutet „Koran“?

Bobzin Koran Einführung„Koran“ ist die eingedeutschte Variante des arabischen Wortes Qurʾān, was so viel bedeutet wie „Rezitation“. Wichtig für das Verständnis des Korans ist, dass er aus einer mündlichen Tradition stammt, bei der stets laut gelesen wurde. Die Offenbarung des Korans wirkt demnach nicht nur durch den Text an sich, sondern auch durch dessen Rezitation, einer unter Muslimen hoch geachteten Kunst. Auch für den Kulturraum der Hebräischen Bibel ist das nichts Ungewöhnliches. Für ein besseres Verständnis der Entstehungszeit und -geschichte des Koran sei das kleine Taschenbuch des Erlanger Arabisten Hartmut Bobzin Der Koran der C. H. Beck Wissen-Reihe empfohlen.

Der Koran als „ungeschaffenes Wort Gottes“ 

Nach muslimischer Tradition gilt der Koran als „ungeschaffenes Wort Gottes“. Das heißt, dass das Wort mit Gott anfangsewig und „bei ihm“ war und nicht irgendwann in Raum und Zeit geschaffen wurde. Das Äquivalent zum Koran im Islam ist daher nicht die Bibel. Die Bibel ist „nur“ Trägerin der Offenbarung, der Koran aber die Offenbarung selbst. Was für Muslime also das „buchgewordene Wort Gottes“ ist, ist für Christen das „menschgewordene Gotteswort“, also Jesus Christus.

23 Jahre Offenbarung: Die Wichtigkeit des historischen Kontextes

Nach muslimischer Tradition wurde das Wort Gottes nicht als Buch herab gesandt, sondern in einem Zeitraum von 22-23 Jahren stückweise an Muhammad offenbart. Der Koran ist somit eine Art „Diskurs“ Gottes mit jeweils unterschiedlichem Zielpublikum. Es ist kein „Befehlsbuch“. Vielfach ist von einer „zeitlosen Gültigkeit“ die Rede, gerade auch in antiislamischer Polemik. Doch sind es gerade die sogenannten „Offenbarungsanlässe“ (arab. asbab an-nuzul), sprich der historische Kontext des jeweiligen Verses, den man erst kennen muss, um diesen überhaupt verstehen zu können. Diese Offenbarungsanlässe wurden beispielsweise vom Gelehrten al-Wahidi (gest. 1075) in seinem Werk Kitab Asbab an-Nuzul gesammelt.

Nicht-chronologische Anordnung der Suren

Was die Lage noch verkompliziert ist die Tatsache, dass die Kapitel des Koran, die Suren genannt werden, nicht chronologisch geordnet sind. Das war in der Antike keine Seltenheit. Die Chronologie, das heißt der historische Kontext, ist dennoch wichtig. Muslime bekommen diese (im Idealfall) beigebracht. Der deutsche Orientalist und Koranforscher Theodor Nöldeke (1836-1930) hat eigens eine Chronologie der Suren angefertigt. An dieser kann sich jeder Einsteiger/jede Einsteigerin gut orientieren, wenn er/sie die Chronologie berücksichtigen möchte.

Korankommentare zum besseren Verständnis

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Screenshot von Altafsir.com

Bibelkenntnisse helfen nicht nur, sie sind beinahe schon eine Voraussetzung für das Verstehen des Korans. Ist die Hürde der Chronologie halbwegs gemeistert, zeigt sich, dass der Koran zahlreiche biblische Elemente enthält, diese aber häufig nur andeutet und somit davon ausgegangen werden kann, dass das damalige Publikum des Korans die biblischen Erzählungen auswendig kannte. Korankommentare (arab. Sg. Tafsīr) sind zum Verständnis des Inhaltes unerlässlich. Auf Altafsir.com sind wichtige große Korankommentare unterschiedlichster Ausrichtung gesammelt worden. Hier können diese auch versweise ausgewählt werden. Auch die bereits erwähnten Offenbarungsanlässe von al-Wahidi stehen dabei zur Auswahl, sodass der historische Kontext und Interpretationen zusammen aufgerufen werden können.

Welchen Koran soll ich mir kaufen?

61TjHxI8BML._SX337_BO1,204,203,200_Eine sehr schöne Koranübersetzung für den Einstieg ist die von Muhammad Asad (1900-1992). Sie enthält eine deutsche Übersetzung, das arabische Original und im Fußnotenbereich Erläuterungen zu den einzelnen Versen. Da Muhammad Asad einst Leopold Weiß hieß und aus einer jüdischen Rabbinerfamilie in Lemberg (heute Lwiw, Ukraine) stammte, in Wien und Berlin studierte, hat er unterschiedliches religiöses und philosophisches Hintergrundwissen, was seine Koraninterpretation besonders interessant macht. Ansonsten ist die deutsche Übersetzung von Hartmut Bobzin sehr empfehlenswert. Wichtig ist hierbei zu wissen, dass es keine offizielle Koranübersetzung gibt. Nur der arabische Text gilt bei Muslimen als der eigentliche Richtwert. Aufgrund unterschiedlichster Übersetzungsmöglichkeiten des arabischen Textes gilt jede Übertragung in eine andere Sprache bereits als eine Interpretation.

 

Zusammengefasst: Empfohlene Vorgehensweise für Laien

  1. Hartmut Bobzins Der Koran zum besseren Verständnis von der Entstehungszeit des Korans lesen
  2. Chronologie der Suren von Nöldeke zur Hand nehmen und den Koran nach chronologischer Reihenfolge lesen
  3. Altafsir.com für Erklärungen der Versinterpretation und der Offenbarungsanlässe heranziehen
  4. Weitere Fachliteratur (keine populistische Populär“wissenschaft“!) bestellen. Man lernt hier nie aus!

Ja, das wirkt vielleicht etwas kompliziert, ist aber mit Sicherheit eine der einfachsten Varianten, um möglichst schnell möglichst viel verstehen zu können. Eine solche Vorgehensweise ist bei einem ausführlicheren Koranstudium allerdings erst der kleine Anfang. Jemand, der auf diesem Feld wirklich etwas verstehen will, der kann es sich nicht zu einfach machen!

 

 

 

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