„Einen guten Rutsch!“ – Hebräisches und Arabisches im Deutschen

fireworks-574739Heute Nacht fliegen wieder Raketen und Böller, es wird in das neue Jahr gefeiert. Unzählige Male wurde bereits „ein guter Rutsch“ gewünscht. Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass gerade bei diesem Satz der hebräische Einfluss auf die deutsche Sprache sichtbar wird, denn diese Redewendung ist hebräischen Ursprungs und hat mit „rutschen“ rein gar nichts zu tun.

Hebräisches im Deutschen

Dabei wirkt „ein guter Rutsch“ recht logisch, schließlich solle man doch einfach gut in das neue Jahr „herüberrutschen“, was viele dann abwandeln zu „rutsch gut rüber“. „Rutsch“ hat in diesem Falle aber nichts mit „rutschen“, Winter, Glätte o.a. in diesem Zusammenhang zu tun. Rutsch wird nämlich vom hebräischen Wort rosch für „Kopf“ oder auch „Anfang“ abgeleitet. Rosch ha-Schana, das jüdische Neujahr, dürfte vielen wieder ein Begriff sein. Im mittelhochdeutschen Dialekt des Jiddischen wünschte man sich da „an gudn Rosch“, also einen „guten Jahresanfang“.

Das Jiddische hatte vor dem 2. Weltkrieg Millionen von Sprechern und transportierte als mittelhochdeutscher Dialekt zahlreiche hebräische Lehnwörter und Redewendungen in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch. Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg hat das Jiddische in Europa so gut wie ausgelöscht. In den USA und Israel wird es aber noch heute, vor allem in ultraorthodoxen Kreisen, gepflegt, da der alltägliche Gebrauch der heiligen hebräischen Sprache als verpönt gilt.

Prof. Lutz Edzard, Lehrstuhlinhaber für Arabistik und Semitistik der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, forscht zu diesem Thema und hat dazu bereits mehrere Beiträge veröffentlicht. Darin zählt er deutsche Wörter hebräischen Ursprungs auf:

Eine betuchte, also wohlhabende Frau, wird nicht etwa deshalb so bezeichnet, weil sie sich aufgrund ihres Wohlstandes viele teure Tücher leisten kann. Betucht kommt vom hebräischen batuach (בטוח), zu Deutsch „sicher“. Sie ist also finanziell abgesichert. Hat nicht jeder schon einmal blaugemacht? Mit der Farbe hat dies nichts zu tun, denn dieses ist auf be-lo (בלא) zurückzuführen und das heißt schlicht „ohne“. Oder ist der da drüben nicht ein dufte Typ? Auch das liegt nicht an seinem neuen Parfüm, sondern dass er tov (טוב), also „gut“, ist. Der böse Ganove ist ein „Dieb“, ein ganav (גנב).

Es gibt aber auch noch mehrere ganze Redewendungen, wie „ein guter Rutsch“ die es ins Deutsche geschafft haben. Hat nicht jede Mutter vor einer Prüfung ihres Kindes in der Schule  schon einmal „Hals und Beinbruch“ gewünscht? Das ist keine ironische Bemerkung à la „wird schon schiefgehen“, sondern ein besonders geniales Beispiel für Sprachaustausch. Das hebräische hatzlacha u-bracha, „Glück und Segen“ wurde ins Jiddische übernommen, jedoch in diesem Dialekt zu hatzloche u-broche. Jüdische Händler besiegelten mit diesem Ausspruch und einem Handschlag einen Handel. Für Nichtjuden, die des Hebräischen oder Jiddischen nicht mächtig waren, lag das „Hals und Beinbruch“ logischerweise näher als „Glück und Segen“.

Nicht nur die hebräische Sprache hat ihren Einfluss auf das Deutsche genommen, sondern auch das Arabische hat mehr Spuren im Alltagsdeutschen hinterlassen als zunächst angenommen.

Arabisches im Deutschen

Nabil Osman, Arabist und Sprachlehrer, verfasste bereits 1982 ein Kleines Lexikon Deutscher Wörter Arabischer Herkunft. Darin listete er verschiedenste Lehrwörter auf, die jedem Deutschen häufig begegnen dürften:

Das Ursprungswort von Alkohol zum Beispiel, al-kuḥūl (الكحول), hat zunächst nichts mit unserem Alkohol zu tun, sondern ist der arabische Begriff für Antimonpulver, womit sich Damen früher die Augenlider und Brauen geschminkt haben. Der Klabautermann und kalfatern (Fachwort im Schiffsbau), qalfaṭa (قلفط), sind auf einen alten arabischen Volksglauben zurückzuführen, wonach ein Kobold gegen die hölzernen Schiffswände klopfe. Die Safari, meist eine schöne Reise durch Namibia, hat nahezu dieselbe Wortbedeutung wie das arabische Wort safar (سفر), „Reise“. Der Sirup, mit dem wir gern Getränke süßen, stammt von scharāb (شراب), „Trank“. So mancher unter uns geht gern auch mal ein Risiko ein. Hier wird es dann richtig islamisch-theologisch. Dieses Wort taucht als rizq (رزق) an mehreren Stellen im Koran auf. Es bezeichnet die „Versorgung“, die Gott einem Menschen zuteilwerden lässt. Der Mensch soll sich auf Gott verlassen, an ihn glauben und auf die Versorgung durch ihn vertrauen, also gewissermaßen ein Risiko eingehen. Jetzt auch noch über den Algorithmus (von al-Chwarizmī 780-ca. 850, muslimischer Universalgelehrter) oder Algebra (von al-djabr, „das Zusammenfügen gebrochener Teile) zu sprechen, würde wahrlich den Rahmen sprengen.

Kommt gut rüber!

Die genannten Beispiele waren nur ein Bruchteil der Einflüsse des Hebräischen und Arabischen auf die deutsche Alltagssprache. Hier überschneiden sich Germanistik mit Arabistik und Hebraistik, also Fächer, bei denen augenscheinlich ersteres nicht allzu viel mit den anderen zu tun hat. Mit dem Studium semitischer Sprachen können wir auch mehr über uns und unsere Kultur lernen. Über dieses Thema mehr zu forschen wäre sicherlich ein guter und interessanter Vorsatz für’s neue Jahr, oder? Bis dahin feiern wir alle aber einmal schön. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch und trinkt nicht zu viel Alkohol 😉

 

Quellen:

Edzard, Lutz: Hebrew and Hebrew-Yiddish terms and expressions in contemporary German: some (socio-)linguistic observations, University of Oslo and University of Erlangen-Nürnberg.

Osman, Nabil: Kleines Lexikon Deutscher Wörter Arabischer Herkunft, C.H. Beck 1982.

 

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