Kurz erklärt: „Jesus war ein Moslem“ ?

Persian_depiction_of_Jesus_-_Sermon_on_the_Mount

Jesus bei der Bergpredigt, muslimisch-persische Miniatur

Seit einigen Tagen gibt es insbesondere auf Twitter und Blogs Aufregung um eine neue Titelgeschichte des SPIEGEL, die sich mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Jesus-Traditionen in Christentum und Islam beschäftigt. Dass dort auf dem Titelbild Jesus Christus als der „Sohn Gottes“ dargestellt wird, ist für viele selbstverständlich, doch „Jesus, der Moslem“ irritiert nicht gerade wenige. Für Muslime gilt es als selbstverständlich, dass Abraham, Isaak, Jakob und auch Jesus „Muslime“ waren. Doch warum überhaupt , und was ist hier anders als im Christentum?

 

„….. war Moslem“ – Was bedeutet das?

Heute ist „Islam“ ein lexikalisierter Begriff für die Bezeichnung einer Weltreligion, die über 1,5 Milliarden Anhänger verzeichnet. Das Wort islām setzt sich aus der Wortwurzel s-l-m zusammen und ist das Verbalsubstantiv vom Verb aslama (IV. Stamm). Das Wort ist durch die gemeinsame Wurzel auch mit salām, Friede, verwandt. Islām heißt, berücksichtigen wir dabei insbesondere den Koran, korrekt übersetzt „Hingabe vor/unter Gott”, also einen Zustand. Derjenige, der sich in diesem Zustand der “Hingabe vor Gott” befindet und dies praktiziert, ist muslim, Partizip Aktiv vom Verb aslama.

Die Übersetzung „Islam heißt Unterwerfung” ist, insbesondere im deutschsprachigen Sinne, nicht griffig, aber auch „Islam heißt Frieden“ stimmt so im Wortsinne nicht. Der Begriff islām kommt dem Frieden aber nahe, da dieser Zustand durchaus als friedlicher Zustand zu sehen ist. „Sich unterwerfen” in einem negativen Sinne, einer Kapitulation gleich, könnte mit istislām einen Begriff bekommen. Das ist zwar auch die selbe Wortwurzel aber trotzdem ein anderes Wort als islām. Also: Islam ist der Zustand der Hingabe vor/in/unter Gott und der das Praktizierende ist der Muslim (=Moslem).

Jesus im Islam – Prophet aber kein „Sohn Gottes“

In den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam wurden prophetische Figuren stets auf die eigene Tradition hin betrachtet und ausgelegt. Zwar beziehen sich Christen und Juden zum Beispiel an sich auf denselben biblischen Abraham, dennoch gibt es sehr unterschiedliche Abraham-Traditionen in Judentum und Christentum. Ähnlich verhält es sich bei Islam und Christentum in Bezug auf Jesus.

Gemeinsamkeiten der Jesus-Traditionen

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Maria in einer muslimisch-persischen Miniatur

Beide Religionen, Christentum und Islam, haben eine sehr reiche Jesus-Tradition. Jesus als „Sohn Gottes“, als Erfüller und Erlöser, dürfte den meisten in unseren Breitengraden vertraut sein,der islamische Jesus hingegen weniger. Dabei findet Jesus im Koran zahlreiche Erwähnung als „ʿĪsā“ (25 mal, umgedrehte Wortwurzelform vom aramäischen Yasūʿ, wovon unser Josua abgeleitet ist), als „Sohn der Maria“ (23 mal) oder auch als „Messias“ (11 mal) u.v.m.. Jesus ist im Koran auch ein Spross eines Wunders, der unbefleckten Empfängnis durch Maria. Maria bekommt sogar eine eigene Sure im Koran (Sure 19), hier beginnen aber schon die Unterschiede.

Wichtige Unterschiede zwischen Christentum und Islam in Bezug auf Jesus

Während Maria als die „Mutter Gottes“, insbesondere im Katholizismus, Verehrung findet, ist sie  im Islam „nur“ die „Mutter Jesu“. Jesus hat in der islamischen Tradition keine Doppelnatur als wahrer Gott und wahrer Mensch, sondern steht in einer Reihe von Propheten mit rein menschlicher Natur. Zwar wird er auch im Koran als „Wort Gottes“ (kalimat Allāh) beschrieben, dies bezieht sich aber nur auf die unbefleckte Empfängnis, da Jesus nur durch Gottes Wort „sei“ begann zu existieren. In der arabisch-christlichen Tradition ist er ebenfalls kalimat Allāh, aber als Logos Teil der göttlichen Ewigkeit und der Trinität. Die muslimische Tradition legt hier aber Wert auf den Unterschied zum Christentum, was in Sure 112 zum Ausdruck kommt: „Sprich: Gott ist Einer, Gott ist ewig beständig, er hat weder gezeugt, noch ist er geboren worden und es gibt nichts, was ihm gleichkäme“.

Jesus der Prophet

Jesus ist also nicht der „Sohn Gottes“, sondern „nur“ Verkünder einer göttlichen Botschaft – wie Muhammad. Die rein menschliche Natur wird in der islamischen Tradition stets betont. Einen weiteren wichtigen Unterschied stellt die Kreuzigung Jesu dar. Während sie für das Christentum die Grundvoraussetzung für die Erlösung der Menschheit ist, kommt sie im Islam nicht vor. Zwar erwähnt der Koran eine Kreuzigung im Zusammenhang mit Jesus, doch gibt es hier innerhalb der islamischen Tradition Meinungsunterschiede, die sich aus unterschiedlichen arabischen Wortbedeutungen ergeben: 1. Jesus sei nur zum Schein gekreuzigt worden und sein Leiden sei nur eine Illusion für den Beobachter, da Gott Jesus vor seinem Tod gerettet habe (Doketismustheorie); 2. Jesus selbst wurde nicht gekreuzigt, sondern einer, der so aussah wie er (Substitutionstheorie). Kurz: Jesus am Kreuz hat im Islam selbst keine theologische Bedeutung, wohl aber Jesus als Prophet Gottes.

Erstaunliche Gemeinsamkeiten und unüberbrückbare Unterschiede

Mit der Verehrung von Maria, der unbefleckten Empfängnis und der Figur Jesus an sich haben Christentum und Islam wichtige und zahlreiche textliche und theologische Gemeinsamkeiten. Andererseits gibt es in Bezug auf die Gottessohnschaft und Kreuzestod unüberbrückbare Differenzen. Jesus gilt im Islam als „Muslim“ insoweit, als dass er sich als Prophet –selbstverständlich- im Zustand der völligen Hingabe vor Gott befand.

Nicht wenige fühlen sich durch diese Bezeichnung „Muslim/Moslem“ und die, theologisch nicht überbrückbaren, Unterschiede herausgefordert oder gar provoziert. Doch insbesondere jene, die jetzt von einer „Vereinnahmung Jesu durch den Islam“ sprechen, sollten sich vor Augen führen, dass der historische Jesus in ein jüdisch-aramäisches Umfeld geboren wurde und innerhalb dieser Traditionen lebte und wirkte und sich auch das Christentum als sich auf Jesus Christus berufende Religion erst später entwickelt hat. Betrachtet man die Figur des Jesus oder andere biblische Figuren in jüdischen, christlichen und muslimischen Traditionen im Vergleich, dann wird der gemeinsame Pool an Erzählungen und Traditionen noch deutlicher. Für die Europäer ohne nahöstliche Wurzeln wird die Auseinandersetzung mit dem Islam zu einer Chance, sich mit den nahöstlichen Wurzeln der eigenen Religion zu beschäftigen und so das Christentum selbst besser zu begreifen.

 

 

 

 

 

 

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