Islam und Apokalypse: Gog und Magog im mittelalterlichen islamischen Denken

Gog und Magog Wiki

In der Bibel finden sich zahlreiche Erzählungen und Prophezeiungen von bevorstehenden apokalyptischen Ereignissen. So auch von Gog und Magog. Diese sind, je nach Interpretation, ein oder mehrere Völker, die am Ende der Zeit, von Norden kommend, die Levante verwüsten und Tod und Verderben auf der Erde verbreiten werden. Insbesondere das Buch Ezechiel (AT) und die Offenbarungen des Johannes (NT) sind geprägt von den Erzählungen um Gog und Magog. Da sich der Islam als Fortsetzung von Judentum und Christentum versteht, ist es nicht verwunderlich, dass die selben apokalyptischen Narrative und Prophezeiungen auch im Koran angesprochen werden und Raum für weitreichende Spekulationen und Interpretationen bieten. Um dem genauer auf den Grund gehen zu können, wurden Interpretationen der Gelehrten Abū Dschaʿfar al-Ṭabarī (839-923), Dschār Allāh al-Zamachschari (1075-1144) und Abū l-Fidāʾ ibn Kathīr (1300-1373), herangezogen.

Gog und Magog im Koran

KoranNamentlich werden Gog und Magog als Yaʾdschūdsch und Maʾdschūdsch in Q 18:94 (Sure „die Höhle“) und Q 21:96 (Sure „die Propheten“) erwähnt. In erster ist von einem geheimnisvollen „Zweigehörnten“ (arab. Dhū l-Qarnayn) die Rede, einem Fürsten, der weit reist und den die Menschen um Hilfe vor Gog und Magog bitten: „Sie sagten: ‚Oh du Zweigehörnter! Siehe, Gog und Magog verderben dieses Land. Dürfen wir denn dir einen Tribut zahlen im Einvernehmen, dass du zwischen uns und ihnen eine Schranke errichtest?‘“ (21:96). Der Zweigehörnte errichtet eine Barriere zum Schutz der Völker, doch kommt direkt im Anschluss die apokalyptische Weissagung: Am Ende der Zeit wird diese Mauer brechen und Gog und Magog werden das Land verwüsten und „das Horn“ (bereits im Judentum ein Zeichen für das Ende) werde geblasen. Q 21:96 spricht davon, dass Gog und Magog „von jedem Winkel der Erde“ ausschwärmen werden. Für eine apokalyptische Geschichte ist diese ausführliche Erwähnung im Koran bereits bemerkenswert, denn andere derartige Erzählungen (z.B. die Mahdi-Legenden) finden sich häufig außerhalb des Korans, zum Beispiel in Ḥadīthen (Propheten- u. -gefährtenüberlieferungen). Was der Koran nicht beantwortet: Wer ist der geheimnisvolle Zweigehörnte? Wer sind überhaupt Gog und Magog?

Gog und Magog in mittelalterlichen Koranexegesen

Die Koranexegese von al-Ṭabarī (839-923)

Der berühmte Gelehrte Abū Dschaʿfar al-Ṭabarī (839-923) verfasste zwischen 896 und 903 einen der wichtigsten und ausführlichsten Korankommentare der islamischen Geschichte. Hierin lieferte er mit Ḥadīthen eine Interpretation des Korans „Zusammenfassung der Erläuterungen zur Interpretation der Koranverse“ (DMG. Dschāmiʿ al-bayān ʿan taʾwīl āy al-Qurʾān). Wer mit dem Zweigehörnten gemeint sein soll, wird bei Ṭabarī nicht ganz deutlich. So wird er als ein gottesfürchtiger Mann beschrieben, der die Menschen zum wahren Glauben an den einen Gott eingeladen habe. Mal wird er als Nachkomme von Japhet, einem Sohn Noahs beschrieben, aus Ägypten kommend, mit griechischer Abstammung, an anderen Stellen als König von Persern und Griechen. Ibn Ḥumayd, ein Prophetengefährte, berichtete, er habe Alexander geheißen, was Theodor Nöldeke in Geschichte des Qorāns (1909, Band I) aufgriff. Ṭabarī zitiert einen Ḥadīth von al-Ḥusayn, in dem der Ort der Mauer, die der Zweigehörnte errichtet habe, im Gebiet von Armenien und Aserbeidschan angegeben wird. Bei Gog und Magog handele es sich um Barbaren, welche Menschen äßen. Sie hätten Klauen anstatt Nägel und ihre Zähne ähnelten denen von Raubtieren. Sie seien mehr Monster als Menschen, hätten riesige Ohren, in die sie sich einhüllen könnten und hätte keine Geschlechter. Sie würden erst dann sterben, wenn sie 1000 Nachkommen gezeugt hätten. Nach einem Ḥadīth, überliefert von Asad ibn Zawād, haben die beiden Völker Hände aus Stahl. Sie würden am Ende der Zeit die Welt zerstören und sich insbesondere im Irak und Syrien ausbreiten, alles Grüne vernichten, Euphrat, Tigris und See Genezareth trinken, alle Menschen massakrieren, die sie in zu Fassen bekommen, die Lebewesen der Lüfte vernichten und letztendlich ins Heilige Land ziehen. Gott schicke dann, auf Betreiben von Jesus, Würmer (naghaf), an welchen Gog und Magog dann zugrunde gehen. Ṭabarī ordnet das Wüten von Gog und Magog in die zehn Zeichen der Apokalypse ein:

  • Das Aufkommen der Nachkommen von ʿAṣfar
  • Das Auftreten des Mahdī
  • Das Auftreten des Antichristen (Dadschāl)
  • Jesus kommt zurück auf die Erde
  • Die Sonne geht im Westen auf
  • Gog und Magog verwüsten das Land
  • Das Biest kommt aus der Erde
  • Die Annahme des Korans im Himmel
  • Rauch
  • Feuer aus dem Jemen

Trotz der detailreichen Schilderungen ist es hier aber nicht möglich herauszufinden, wer genau mit Gog und Magog gemeint ist. Auch die Deutungen des Zweigehörnten sind noch wage, deuten aber auf einen König hin.

Die Koranexegese von al-Zamachscharī: Das Aufkommen persischer und türkischer Nomadenvölker

Bei al-Zamachscharī (1075-1144) handelt es sich um einen Koranexegeten persischer Herkunft, der sich der rationalistischen Denkschule der Muʿtazilīten verschrieben hatte. Seinen Tafsīr beendete er 1134. Den Zweigehörnten interpretiert Zamachscharī als „König der Welt“. Zwei Könige kämen hier für ihn infrage: Alexander der Große und Salomon, doch tendiert sein Tafsīr stark zu Alexander dem Großen. Ihm kommt dabei die typische Rolle eines Propheten zu, doch sei Alexander irgendetwas zwischen König und Propheten gewesen. Besonders konkret wird Zamachscharī bei Gog und Magog. Diese seien Barbaren und Nachkommen von Japhet, dem Sohn von Noah. Bei Gog handele es sich um Turkvölker und bei Magog um die zwei indoeuropäischen Völker der Daylam und der Dschayl, welche irgendwo im Osten lebten. Die Deutung der apokalyptischen Prophezeiungen Zamachscharīs sind von einem starken antitürkischen Motiv geprägt. So zitiert er einen Ḥadīth von al-Bukhari: „Die Stunde wird nicht kommen, bevor ihr ein Volk bekämpft habt, dessen Schuhe aus Haar sind, und bevor ihr die Türken bekämpft haben, welche schmale Augen haben, …“. Die Veränderung dieser Interpretation könnte sehr stark mit dem politischen und historischen Kontext zusammenhängen. Während der Zeit des Abbasidenkalifats (750-1258) wurden zahlreiche türkische Militärsklaven rekrutiert. Der Einfluss dieser türkischen Kämpfer selbst nahm insbesondere in den östlichen Provinzen nach dem 10. Jahrhundert zu, was wiederum zu starken Ressentiments gegen die türkischstämmige Bevölkerung führte. Die Hauptstadt des islamischen Reiches wurde wegen diesen Spannungen sogar von Bagdad nach Samarra verlegt.

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Das Monster von Gog und Magog, al-Qazwini (1203–1283)

Aus der Region mit stark türkischer Prägung stammte auch Zamachscharī, der somit von der Geschichte der Region, die vom regelmäßigen Einfallen türkischer und mongolischer Nomaden, geprägt war. Zwischen 1037 und 1194 errichteten die türkischen Seldschuken dort ein Reich und diese wurden wiederum 1141 bei der Schlacht von Qatwan durch die mongolischen Qara Kithai geschlagen. Die israelische Forscherin O. Livnei-Kafri von der Universität Haifa bemerkte zu diesem Motiv, „[it] might reflect historical events (or expectations) in specific periods even when it appears in a pure apocalyptic setting“. Gerade die Ḥadīthe, in denen Gog und Magog als Völker bezeichnet werden, die alles Grüne vernichten und Wasser „austrinken“, gepaart mit deren geographischer Verortung im Kaukasus und Zentralasien, bietet viele Anknüpfungspunkte für deren Interpretation als Nomadenvölker.

Gog und Magog bei ibn Kathīr: Die Mongolengefahr

Abū l-Fidaʾ ibn Kathīr (1300-1373) aus dem heutigen Syrien, schrieb einen der wichtigsten Korankommentare nach al-Ṭabarī . In seinem Tafsīr wird er bezüglich des Zweigehörnten noch deutlicher als seine Vorgänger. Ibn Kathīr interpretiert diesen als Alexander II, Sohn von Phillipos von Makedonien mit seinem Minister Aristoteles. Alexander der Große ist auch bei ihm ein gläubiger Mensch, der die Menschen zum wahren Eingottglauben auffordere, was zunächst verwirren mag. Schließlich war das alte Griechenland und auch die Herrscherzeit Alexanders geprägt von einer Vielzahl griechischer Gottheiten. Außer einem Verweis auf das türkische Volk der Khazaren nördlich des Kaukasus, bietet ibn Kathīr in seinem Tafsīr nichts Neues bezüglich Gog und Magog. Doch als Schüler von ibn Taimīya kommt bei ihm, neben dem antitürkischen Motiv, das ibn Kathir übernimmt, auch noch ein neues Feindbild hinzu: Die Mongolen. In seinem Werk Der Anfang und das Ende (arab. al-bidāya wa-l-nihāya) bezeichnet er Gog und Magog als Untergruppe der Türken, die er Mongolen nennt. 1258 erlangte der Mongolensturm seinen brutalen Höhepunkt in der Zerstörung des islamischen Zentrums Bagdad. Die Mongolen verwüsteten weite Teile des Landes, wovon sich die Gegenden lange nicht erholen sollten. Zu Lebzeiten ibn Kathīrs konvertierten zahlreiche Mongolenfürsten zwar zum Islam, verschonten die umliegenden muslimischen Gegenden trotzdem keineswegs von brutalen Feldzügen. Gelehrte wie ibn Taimīya oder sein Schüler ibn Kathīr waren daher geprägt vom Hass auf das mongolische Reich der Ilkhane (1256-1335/53). Der Anfang und das Ende ist geprägt von einer starken antitürkischen Apokalyptik, die auch die Mongolen miteinschließt. In wieweit man sich nun explizit in der Endzeit befinde und andere der zehn Zeichen des Jüngsten Tages bereits aufgetaucht seien, lässt ibn Kathīr offen.

Apokalypseinterpretationen und politische Ereignisse

Die Koranexegesen beweisen eine eindeutige Interpretation der Gog und Magog-Erzählungen auf zeitgenössische politische Ereignisse hin – über die Jahrhunderte hinweg. Insbesondere die geographische Verortung von türkischen und mongolischen Stämmen im Norden und Osten des islamischen Reiches und deren brutalen Feldzüge, die das Land verwüsteten und zahlreiche Menschenleben kosteten, lieferten starke Anknüpfungspunkte an Ḥadīthe und Prophezeiungen. Trotzdem sind derartige Interpretationen inkonsequent, da Gog und Magog klar in den Kontext der anderen neun Zeichen der Apokalypse eingebettet sind. Auf diese wird bei den Interpretationen zu Gog und Magog nicht verwiesen. Eventuell ging man aufgrund der Brutalität von Mongolen und Turkvölkern davon aus, dass Gog und Magog in der Zukunft bestimmt von diesen Völkern stammen müssten. Dies wird aber so nicht erwähnt. Prägnant bleibt die starke Veränderung der Interpretationen im Kontext politischer Ereignisse. Dieser Prozess setzt sich fort bis in die heutige Zeit. George W. Bush etwa versuchte Jaques Chirac von einer Teilnahme an seinem Irak-Überfall 2003 mit der christlichen Variante des Gog-und-Magog-Mythos zu überzeugen. Auch der IS hat den Charakter einer apokalyptischen Terrorsekte. Apokalypsetraditionen sind ein fester Bestandteil aller religiösen Traditionen. Dieser feste Bestandteil wurde und wird von Muslimen allerdings sehr flexibel neu interpretiert und bereits seit Jahrhunderten immer auf aktuelle politische Ereignisse hin gedeutet.

Quellen:

Primärquellen (DMG-Umschrift)

al-Ṭabarī, Abū Djaʿfar Muḥammad ibn Djarīr: Djāmiʿ al-bayān ʿan taʾwīl āy al-qurʾān.

Ibn Kathīr: Tafsīr al-qurʾān.

Ibn Kathīr: Al-bidāya wa-l-nihāya.

al-Zamakhsharī, Djār Allāh: Al-Kashshāf ʿan ḥaqāʾiq al-tanzīl.

Sekundärquellen

Cook, B. David: Gog and Magog, Encyclopaedia of Islam.

Cook, B. David: Studies in Muslim Apocalyptic, Princeton 2002.

Filiu. Jean-Pierre: Apocalypse in Islam, University of California Press Berkeley 2011.

Krämer, Gudrun: Geschichte des Islam, Bundeszentrale für politische Bildung 2005.

Lewinstein, Keith: Gog and Magog, in: Encyclopaedia of the Qurʾān.

Livne-Kafri, O.: Some Observations on the Migration of Apocalyptic Feature in Muslim Tradition, in: Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hungaricae, Vol. 60. Nr. 4, 2007, S. 467-477.

Nöldeke, Theodor: Geschichte des Qorāns. Bd. I, 1909.

Schmidt, Andrea und E. J. Donzel: Gog and Magog in Early Eastern Christian and Islamic Sources: Sallam’s Quest for Alexander’s Wall, Brill 2011.

 

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