6 Jahre Syrische Revolution: Wie alles begann

Heute begehen Aktivisten weltweit den 6. Jahrestag des Beginns der Demonstrationen in Syrien. Sechs Jahre danach sind große Teile des Landes zerstört und der Konflikt wird auf einen Kampf zwischen Assad-Regime und radikalen Islamisten verengt. Wie der Konflikt begann und das Erscheinungsbild und Forderungen der damaligen Demonstranten geraten dabei völlig in den Hintergrund. Eine modifizierte Version eines Artikels aus dem Jahr 2015 Weiterlesen …

Dezember 2010 bis Februar 2011: Mobilisierungsversuche syrischer Aktivisten im Internet

Vor allem Teile der internetaffinen Jugend versuchten Demonstrationen gegen das Regime zu organisieren und veröffentlichten auf Youtube Mobilisierungsvideos. Hierbei wurde ganz offen die Verfolgung von Andersdenkenden durch das Regime angeprangert, zu einem Aufstand aufgerufen und al-ghadhab as-suri, (dt. die syrische Wut) auf die bestehenden Verhältnisse verdeutlicht. Dabei wurden die Nationalfarben rot-weiß-schwarz verwendet. Zusammen mit dem Begriff „syrische Wut“ ist das Erscheinungsbild ein eher patriotisch bis nationalistisches, zeugt aber nicht von radikal-sunnitischer Gesinnung.

Auf dem oppositionellen Facebookportal Syrian Free Press wurde bereits am 08. März 2011 ein Mobilisierungsvideo veröffentlicht, in dem zur Revolution mit „der einen Parole‚ dem Sturz des Regimes“ aufgerufen wurde. Alle Oppositionellen sollten am 15. März 2011 gegen das Regime auf die Straße gehen. Hinterlegt wurde das Video mit martialischer Musik und Bildern von jungen Aktivisten, die yasqut an-nizam (dt. das Regime stürzt) an Wände sprühten. Syrian Free Press veröffentlichte am 14. März 2011 auf seinem Youtubekanal einen weiteren Aufruf zur Revolution gegen al-Asad. In den ersten zwei Videos werden weder konfessionelle Symbolik noch Parolen verwendet. Durch den Gebrauch der rot-weiß-schwarzen Nationalflagge wird auch hier ein syrischer Patriotismus deutlich. Die Aktivisten aus diesem Umfeld hatten – zumindest nach außen hin – keine konfessionalistischen oder religiös fundamentalistischen Absichten.

Ende Februar 2011: Protest gegen staatliche Willkür und Korruption in al-Hariqa, Damaskus

Ende Februar 2011 kam es zu einer Demonstration im Damaszener Stadtteil al-Hariqa. Der syrische Menschenrechtsaktivist „Sami Hamwi“ (Pseudonym) dokumentierte auf seinem Blog frühe Demonstrationen und Kundgebungen. Nach seinen Angaben war der Grund für die Demonstration in al-Hariqa ein korrupter Polizist, der von einem lokalen Ladenbesitzer Geld fürs Parken verlangt hatte. Als dieser sich weigerte zu zahlen, habe der Polizist den Mann misshandelt. Dies führte zu einer spontanen Kundgebung aufgebrachter Bürger. Der Innenminister sei danach selbst vor Ort erschienen, um die Menge zu beschwichtigen. Der oppositionelle Blog The Creative Memory of the Syrian Revolution, der von der deutschen Friedrich Ebert Stiftung und der syrischen Abteilung des Institut Français unterstützt wird, schreibt in diesem Zusammenhang von 1.500 Demonstranten und der ersten Demonstration im Zuge des Arabischen Frühlings in Syrien. Ein Aktivistenvideo von der Demonstration, das am 17. Februar 2011 auf Youtube erschien, zeigt eine Menschenmenge vor der örtlichen Polizeistation, die Parolen gegen die Misshandlung von Syrern ruft, gleichzeitig aber auch „bi-ruh bi-damm nafdik ya Baschar“ (dt. mit der Seele und unserem Blut opfern wir uns für dich oh Baschar).

Dies zeigt einerseits Furcht vor einem harten Durchgreifen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten, aber auch eine verbreitete Grundhaltung, Missstände evolutionär und nicht revolutionär verändern zu wollen.

Ab 18. März 2011: Dar’a-Erste Gewalt zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften

In der südsyrischen Stadt Dar’a formierten sich ähnliche Protestzüge. Kinder, die regimefeindliche Parolen an Wände gesprüht hatten, waren zuvor von staatlichen Sicherheitskräften gefangen genommen worden. Nach Angaben von Human Rights Watch kam es hierbei zu Gewalttaten und Folter, was in Dar’a zu den ersten Protesten gegen die Regierung geführt habe. In einem von Syrian Free Press veröffentlichten Demonstrationsvideo aus Dar’a ruft die Menge „das Volk will den Sturz des Bürgermeisters“. Die Forderung nach dessen Rücktritt steigert sich, als die Menge durch die Straßen zieht und erstmals „das Volk will den Sturz des Regimes“ skandiert. Die Proteste in Dar’a waren die größten bis dahin dagewesenen Anti-Regime-Kundgebungen. Zehntausende gingen auf die Straße. Auch kam es hier zur Anwendung von Gewalt seitens der Sicherheitskräfte. Hierbei wurden im März 2011 circa 100 Menschen getötet.

Von Regierungsseite wurden die Ereignisse in konfessionalistischem Zusammenhang dargestellt. Anstatt mit friedlichen Demonstranten habe man es mit Gruppen bewaffneter Terroristen zu tun gehabt. Am 23. März 2011 berichtete die staatliche Nachrichtenagentur SANA von einer bewaffneten Gruppe, die am 18. März, dem Tag der Demonstration, einen Krankenwagen angegriffen habe. Das Regime verwies darauf, dass die Gewalt rein radikal-sunnitischen Ursprungs sei und mithilfe einer Verschwörung aus dem Ausland durch den Erzfeind Israel im Bund mit sunnitischen Extremisten gesteuert werde.

19. März 2011: „Sunniten und Alawiten wollen Freiheit“ in Banyas

Am 19. März kam es in Banyas, einer Mittelmeerstadt im Kernland der Alawiten, zu einer Demonstration, bei der die Parole „Sunniten und Alawiten, wir wollen Freiheit“ skandiert wurde. Es zeigt, dass Konfessionalismus zu Beginn der Proteste bereits ein Thema war, aber von einigen Demonstranten zurückgewiesen wurde, indem sie ihre Absichten als konfessionsübergreifend darstellten.

In Banyas kam es im März 2013 zu einem Massaker an sunnitischen Bewohnern und im Anschluss im Umland von sunnitischen Extremisten an Alawiten.

25. März und 1. April 2011: Demonstrationen in Homs

Die Gewalt in Dar’a führte zu Solidarität in anderen syrischen Städten. Am 1. April versammelten sich Tausende auf dem Markt al-Haschischin in Homs und trugen Banner mit der Aufschrift Dar’a. Parolen, die in der arabischen Welt für die Preisung der jeweiligen Herrscher geläufig waren, wurden verändert und in den Dienst der Revolution gestellt.

Beispielsweise das geläufige „Allah, Suriya, Baschar wa-bass“ (dt. Gott, Syrien, Baschar –sonst nichts) wurde zu „Allah, Suriya, Hurriya wa-bass“ (dt. Gott, Syrien, Freiheit – sonst nichts). Sogar die Parole „bi-ruh bi-damm nafdik ya Baschar“ (dt. mit der Seele und unserem Blut opfern wir uns für dich oh Baschar) wurde aus Solidarität zu den anderen Demonstranten zu „bi-ruh bi-damm nafdik ya Dar’a“ (dt. mit der Seele und unserem Blut opfern wir uns für dich oh Dar’a) umgestaltet. Die Menge begann nach Freiheit zu rufen: „Friedlich, friedlich, wir wollen Freiheit“.

März 2011 Lattakiya: Agents Provocateurs, „ausländische Elemente“ und das Schüren konfessioneller Furcht

Am 26. März 2011 veröffentlichte Joshua Landis, Associate Professor an der Universität von Oklahoma, eine Analyse zu den Folgen der ersten gewalttätigen Proteste. Demnach zeichne sich sei ein Bruch in der syrischen Gesellschaft ab. Es würden gleichermaßen Massendemonstrationen für und gegen das Regime stattfinden. Vermehrt sei auch in Lattakiya der Ruf nach einem Sturz des Regimes deutlich geworden. Die Republikanische Garde sei in die Stadt beordert worden, um für Ruhe zu sorgen. Vor allem in den sunnitischen Vierteln sei der Unmut darüber groß gewesen. Joshua Landis schreibt ebenso über Berichte von Freunden und Bekannten, diese hätten von „foreign Sunni elements in town that no one recognized“ gehört. Berichte wurden laut, ausländische Agents Provocateurs würden in alawitischen und sunnitischen Vierteln versuchen, konfessionelle Spannungen zu schüren. Dem Regime freundlich gesinnte Bewohner in Lattakiya hätten berichtet, bewaffnete Oppositionelle seien in die Stadt gekommen um das Gerücht zu verbreiten, Alawiten würden von den Bergen kommen um Sunniten zu töten. Oppositionelle Stadtbewohner vermuteten Agents Provocateurs aus Iran hinter besagten Ausländern, die gezielt konfessionelle Gewalt schüren sollten. Joshua Landis zitiert europäische Freunde, die in Syrien lebten: „ [W]ithout any doubt and from the amount of witnesses from different sources something strange happened. Forces were trying to destabilize Syria bringing or mincing a sectarian conflict. […] Now the reality it could be that real external forces (people mention Hariri group of Lebanon with Saudi help backed by USA and Israel) tried to destabilize Syria. Another thesis could be that Syrian secret service did so […] The only strong main legitimacy of this minority (predominantly “Alawi”) regime is the fact that it can assure stability and avoid sectarian violence like Iraq or Lebanon”.

April 2011: Die Ermordung des Kindes Hamza al-Khatib

Am 29. April 2011 wurde in der Stadt Sayda bei Dara’a ein Antiregierungsprotest organisiert. Der 13-jährige Hamza al-Kathib befand sich unter den Protestierenden. Als Schüsse fielen und Chaos ausbrach muss Hamza al-Khatib von Sicherheitskräften festgenommen und in ein staatliches Gefängnis gebracht worden sein. Die Eltern berichteten gegenüber The Sunday Telegraph, dass sie ihn noch lebend besucht hatten. Danach sei er von den aufgebrachten Polizisten für mindestens zwei Tage gefoltert worden. Am 21. Mai 2011 erhielt die Familie den Leichnam des Jungen. Der Körper wies brutale Folterspuren auf. Das Gesicht war dunkel verfärbt, die Hände zertrümmert, der Körper übersät mit Einschusslöchern und sein Penis abgeschnitten. Eine Videoaufnahme der Leiche verbreitete sich rasant.

Die staatliche Nachrichtenagentur SANA veröffentlichte dagegen einen Fernsehbeitrag, in dem Hamza al-Khatib als Teil einer Gruppe dschihadistischen Terroristen dargestellt wurde, die die Soldaten nach einem Aufruf zum bewaffneten Dschihad angegriffen hätten. Ḥamza al-Khatib sei daraufhin von den Soldaten getötet und niemals verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden. Dieser Vorfall wirkte als Katalysator für neue Proteste. Das Bild von Hamza al-Khatib avancierte zur Ikone einer Bewegung.
Facebookgruppe „Wir alle sind der Märtyrer Hamza al-Khatib“, eine der Hauptorganisationsseiten der syrischen zivilen Opposition
An der Reaktion des Asad-Regimes in diesem Fall erkennt man die sehr früh einsetzende Strategie, die Proteste und gewalttätigen Auseinandersetzungen als organisierten radikal-sunnitischen Terrorismus darzustellen.

Großdemonstrationen gegen und für das Regime

In den Folgemonaten gingen Hundertausende für das Regime auf die Straße. Allerdings hatte sich landesweit eine Oppositionsbewegung etabliert, die ebenfalls Hunderttausende Menschen mobilisieren konnte.

Großdemonstration in Hama gegen das Regime

Vom Regime organisierte Pro-Assad-Kundgebung in Damaskus

Für eine ausführliche Darstellung der folgenden Ereignisse beachten Sie die Reihe Syrien: Wie konnte sich die Revolution radikalisieren?

Die Demonstrationen gehen weiter, doch Extremisten gewinnen an Dominanz

Nach Beginn einer Feuerpause im Februar 2016 gibt es wieder Bilder aus Syrien, die viele längst nicht mehr für möglich gehalten werden. In den nicht von Assad oder dem IS regierten Gebieten gehen die Menschen wieder auf die Straße und versuchten den alten Geist der Revolution wieder zu beleben. Dies gelang in weiten Teilen der Rebellengebiete.

Wieder dominierte dabei die oppositionelle Flagge in Grün-Weiß-Schwarz und die frühen Parolen der Demonstrationen. Doch gerade seit der brutalen Rückeroberung Ost-Aleppos durch Regimetruppen unter Unterstützung von irakischen und libanesischen Schiitenmilizen, gerät die alte Oppositionsbewegung innerhalb Syriens zusehends ins Hintertreffen. Die dschihadistische Nusra-Front (inzwischen Hay’at Tahrir al-Scham) verbietet inzwischen den Gebrauch der Revolutionsflagge in der Stadt Idlib und die Freie Syrische Armee dominiert nur noch in den turkmenischen Regionen bei Latakiya und dem Gebiet der Euphrat-Schild-Operation mit der türkischen Armee. Insbesondere die heftigen Bombardements der russischen Luftwaffe auf FSA-Brigaden haben die Dominanz dschihadistischer Gruppierungen in einigen Landstrichen erst ermöglicht. Das Regime geht unterdessen zu gezielten ethnischen und politischen Säuberungen von Stadt- und Landesteilen über: Nicht nur Rebellengruppen müssen aus kapitulierenden Gebieten abziehen, auch die Zivilbevölkerung wird weitgehend deportiert, vorzugsweise in die von radikal-islamistischen Rebellengruppen gehaltene Provinz Idlib.

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