Feindschaft und Burgfrieden: Ultraorthodoxe Juden und ihr Verhältnis zum Zionismus

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Treffen der ultraorthodoxen Agudat Jisrael 1923 in Wien

Seit 1948 gibt es einen unabhängigen Staat Israel. Für unsere Generation ist die Existenz einer solchen jüdischen Heimat Normalität. Denkt man an Jerusalem, so sind betende Muslime vor der al-Aqsa Moschee genauso selbstverständlich wie ultraorthodoxe Juden mit langen schwarzen Gewändern und Schläfenlocken vor der Klagemauer. Vor 100 Jahren aber war eine jüdische Heimstätte nicht mehr als eine Idee, deren Verfechter man „Zionisten“ nannte. Die Mehrheit der Juden lebte damals in Ostmittel- und Osteuropa und war stark ultraorthodox geprägt. Und diese waren so gar nicht begeistert von der Idee einer Gründung eines jüdischen Staates.

Der Beginn des politischen Zionismus

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Buch von Theodor Herzl

1902 schrieb der aus Österreich stammende Begründer des politischen Zionismus, Theodor Herzl, seinen berühmten Satz „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Erfahrungen mit massivem Antisemitismus, der sich bei biologistischen Nationalisten als fester Bestandteil ihrer Ideologie durchsetzte, veranlassten Herzl dazu, die Lösung dieser Probleme in der Schaffung eines unabhängigen jüdischen Staates zu suchen, in den dann die überwiegende Mehrheit der Juden Europas und der arabischen Länder auswandern sollte.

Bereits Ende August 1897 hatte Theodor Herzl im schweizerischen Basel für ein solches Vorhaben eine Organisation geschaffen, die Zionistische Weltorganisation. Im russisch beherrschten Teil Osteuropas saßen die Erinnerungen an Vertreibungen und Pogrome tief. Ende der 1880er war es zu einer staatlich angeordneten Vertreibung der schon damals etwa 5 Millionen Juden im Zarenreich in ein ihnen zugewiesenes Ansiedlungsgebiet im heutigen Grenzgebiet von Ukraine, Weißrussland und Polen gekommen. Dieses Gebiet wird oft als „Ansiedlungsrayon“ bezeichnet.

So konnte der politische Zionismus gerade auch in diesen Gebieten Fuß fassen, da sich viele ehemals oder immer noch Verfolgte mit dem Aufbau neuen jüdischen Lebens in einem anderen Gebiet, fernab von Pogromen, eine bessere Zukunft erhofften. Dazu kam die grassierende Armut in der sehr ländlich geprägten jüdischen Bevölkerung Osteuropas, die die Menschen offener machte für diese progressive Idee eines eigenen Staates.

Erster ultraorthodoxer Widerstand gegen den frühen  Zionismus

Nicht sofort, doch recht bald, entschieden sich die führenden Zionisten für die Besiedelung des inzwischen Palästina genannten Gebietes, was für Juden ihrer Tradition nach Eretz Jisrael (hebräisch für „Land von Israel“) hieß. Auch ultraorthodoxe Juden entschieden sich vermehrt zu einer Auswanderung dorthin, doch diese Aliya (hebräisch für „Aufstieg“) genannte Einwanderung in das Land unterschied sich massiv von der des Zionismus. Massiver Widerstand gegen die Ideen Theodor Herzls regte sich zunächst auch nicht in der arabischen Bevölkerung im Nahen Osten, sondern innerhalb des Judentums, insbesondere bei jenen Ultraorthodoxen, die oft als Charedim (hebräisch etwa für „Gottesfürchtige“) oder Chassidim (hebräisch für „Fromme“) bezeichnet werden.

Die Ultraorthodoxen waren schon seit Jahrzehnten beunruhigt wegen diverser Geistesströmungen der Moderne, die auch viele jüdische Denker inspirierten. So entwickelte sich parallel zur europäischen Aufklärung eine explizit jüdische, die Haskala, deren Vertreter nach Ansicht der Ultraorthodoxen Gotteslästerung und Abfall vom Glauben predigten, da diese sich weigerten, dem strengen jüdischen Religionsgesetz der Ultraorthodoxen zu folgen. Für die Charedim war die strikte Befolgung dieser Gebote der Sinn in ihrem Leben und nur durch die Befolgung dieser, direkt von Gott gegebenen, Ge- und Verbote, konnte die Zeit der Erlösung anbrechen, die die Ultraorthodoxen so sehr herbei sehnten. Wichtig dabei ist zu verstehen, dass nach orthodoxer Auslegung jeder Jude diese Gesetze einhalten muss, um das Kommen des Messias‘ in die Wege zu leiten. Säkulare Ideologien von jüdischen Denkern, die das Selbstverständnis von Nation ohne enge Verbindungen zu religiösem Leben zu definieren versuchten, waren aus der Sicht ultraorthodoxer Rabbiner und Zaddikim (spirituell-religiöse Leitfiguren) die schlimmsten Feinde des Judentums, da diese Gefahr nicht von außen, sondern von innen kam.

Die zionistischen Gruppen organisierten sich schnell. Schon bald gab es ein funktionierendes Netz an Aktivisten in ganz Europa, Nordamerika, ferner auch Nordafrika. Für die Ultraorthodoxie jedoch war die Verbreitung des Zionismus die Verbreitung von Häresie. Der chassidische Rabbi Haim Eli’azar Schapira aus dem west-ukrainischen Munkacz wähnte im Zionismus als Gesamtheit gar den Teufel: „today’s Satan, who makes his home in the Holy Land, is none other than the new Zionist settlement movement.”

Noch schlimmer als die Häresie an sich war für die Rabbiner aber der Gedanke an Häresie im Heiligen Land, wo nach dem Wunsch der Zionisten ihr Staat gegründet werden soll. Die Gotteslästerung auf dem von Gott gegebenen Land wäre die schlimmste Sünde für einen Juden, die Gründung eines jüdischen Staates in Eretz Jisrael Gotteslästerung, da nur der Messias diesen Staat gründen dürfe, der Zionismus wegen seinem säkularen Wesen aber genau dieses Kommen des Messias verhindere.

Gründung der antizionistischen Partei Agudat Jisrael 1912

Aufgrund der rasant wachsenden Anzahl an zionistischen Gruppen, die ihren politischen Aktivismus in alle jüdischen Gemeinden trugen, sahen sich die führenden Persönlichkeiten des ultraorthodoxen Judentums genötigt, eine eigene politische Kraft ins Leben zu rufen, die dem Zionismus Einhalt gebieten könnte. Nach der Formierung einiger antizionistischer und antireformistischer Gruppen auf Initiative der orthodoxen Gemeinde von Frankfurt, trafen sich Vertreter der Ultraorthodoxie vom 27. bis zum 29. Mai 1912 in Kattowitz zur Gründung einer explizit antizionistisch ausgerichteten jüdischen Partei, der Agudat Jisrael (hebräisch für „Union Israels“).

In ihrer Gründungserklärung ließ sie bereits verlauten, die „organization [ Agudat Jisrael, Anm. F.S.] is only the modern form of the ancient mission of the people of Israel, which demands from every Jew that he feel himself as one of the limbs and sinews of a living body, full of the spirit of the Divine Tora”. Ziel des Programms von Agudat Jisrael sollte die Rückkehr der Juden zu einem strikten Leben nach dem jüdischen Religionsgesetz sein. Rabbi Yisrael Kagan formulierte dies knapp wie folgt: „The person whose view [daato] is the view of Torah [Daas Torah] can solve all wordly problems, both specific and general”. Hierfür wurde ein ultraorthodoxes, ideologisches Konzept ausgearbeitet. Dieses Konzept heißt Daat Tora (hebräisch für „Sicht der Tora“) mit einer ntizionistischen Ausrichtung.

Antizionismus der Agudat Jisrael

Säkular-zionistische Politik sei nur ein Versuch, nicht-jüdische Politik zu kopieren. Dadurch hätten diese keinerlei Legitimität, das jüdische Volk repräsentieren zu dürfen. Aufgrund des Bundes mit Gott dürfe jüdische Politik nur im Einklang mit den fünf Büchern Mose und der jüdischen Tradition erfolgen. Die Rabbiner seien die Persönlichkeiten, die für jeden Juden die stets richtige Lebensführung vorgäben und in ihrer Entscheidung unfehlbar seien. Den größten Widerstand der Agudat Jisrael gab es gegen die Positionen der Zionisten zur Rolle der jüdischen Religion im Alltag. Die Zionisten traten nicht nur für eine Trennung von Religion und Staat in einer künftigen Heimstätte ein, sondern wollten die jüdische Religion komplett ins Private verbannen.

Die säkularen Zionisten sehnten sich danach, mit der Staatsgründung aus dem „auserwählten Volk“ ein „normales Volk“ neben den anderen Weltvölkern zu machen. Auch wurde die Opposition zu den Zionisten dadurch radikalisiert, dass Agudat Jisrael ihnen vorwarf, die Lehren der Tora zwar für ihre Ziele in das Programm aufgenommen, jedoch bewusst verfälscht zu haben: „it believed in settlement in the Land, but in the training farms for potential settlers, non-kosher food was served (…) it adopted the age-old Jewish tradition of learning, but built a university where Biblical criticism was taught“.

Die Ultraorthodoxen wider- sprachen den Zionisten, dass die Rettung des jüdischen Volkes in der Schaffung eines jüdischen Staates läge. Rettung sei nur in der Tora zu finden. Das Überleben während der 2000 Jahre im Exil, trotz Pogromen und massiver Verfolgung, sei der Beweis für die Richtigkeit der Ultraorthodoxie und die Falschheit der zionistischen Ideologie. Für dieses Leben nach der Tora wurde ein Gremium von Rabbinern geschaffen, der Rat der Weisen der Tora, die die richtigen Entscheidungen für die Juden als Kollektiv treffen sollten.

Ultraorthodoxer Antizionismus nach dem Holocaust

Die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten machte jeglichem kulturellen und politischen Leben der Juden in Europa ein Ende. Viele Vertreter der Zionisten und Antizionisten wurden ermordet. Neben dem unendlichen menschlichen Leid, war die Vernichtung der Juden für viele ein Beweis, dass Rettung eben nicht nur im Befolgen der Tora lag. Die Zionisten hingegen konnten Tausende Menschen retten und in neue jüdische Ansiedlungen in das inzwischen britisch beherrschte Mandatsgebiet Palästina bringen.

Für den Antizionismus innerhalb des Judentums war dies eine Zäsur. Die Ultraorthodoxie fand sich plötzlich in einer neuen Realität wieder, zumal sich die überwiegende Mehrheit der jüdischen Überlebenden der Schoa auf den Weg in den neu gegründeten Staat Israel machten.

Staatsgründer David ben Gurion arrangierte mit den einst radikalen Antizionisten eine Art Burgfrieden. Israel hat bis heute keine ausgearbeitete Verfassung, was Ultraorthodoxe dahingehend interpretieren können, dass der Zionismus nicht den Anspruch hat, ihren vom Messias zu gründenden Staat zu verhindern. Die Agudat Jisrael von einst hat sich aufgespalten in verschiedene ultraorthodoxe Parteien wie die Schas-Partei und kleinere Gruppen. Sie sichern den Ultraorthodoxen vor allem finanzielle Unterstützung, da die Männer in diesen Gemeinden das Torastudium als Hauptaufgabe haben und daher keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen können. Der neue jüdische Staat brauchte aber genau diese Ultraorthodoxen, um das kulturelle jüdische Leben, das nach der Schoa massiv bedroht war, weiter am Leben zu halten. Im Gegenzug zur Autonomie der orthodoxen Juden waren die Ultraorthodoxen keine antizionistischen Aktivisten mehr.

Moderne ultraorthodoxe Antizionisten und Radikal-Islamisten als Verbündete

Eine Minderheit innerhalb der Ultraorthodoxie spaltete sich ab. Bereits 1938 hatte sich eine Gruppe von Radikalen selbstständig gemacht. Sie nannten sich Neturei Karta (aramäisch für „Wächter der Stadt“). Auch heute vertreten diese einen radikalen, beinahe militanten Antizionismus. Auf ihrer Homepage teilen sie der Welt ihre radikale Haltung gegenüber Israel mit. Sie begründen den Antizionismus damit, dass „Jews shall not use human force to bring about the establishment of a Jewish state before the coming of the universally accepted Moshiach (Messiah from the House of David)”. Der jüdische Staat soll nur durch den Messias gegründet werden dürfen.

Sie lehnen die Existenz des Staates Israel radikal ab. Intensive Kontakte unterhält Niturei Karta zu Organisationen wie Hamas, Hisbollah und auch zum iranischen Regime. Bei Mahmud Ahmadinejad war der Repräsentant von Neturei Karta, Rabbi Dovid Weiss, ein gern gesehener Gast. „It is a hope that with the elimination of Zionism, Jews and Muslims will live in harmony as they have throughout the ages, in Palestine and throughout the world”, so Weiss. Neturei Karta ist daher auch bei modernen Antisemiten besonders beliebt, um sich auf diese zu berufen und den eigenen Antisemitismus dadurch zu verschleiern.

Heute ist derart radikaler Antizionismus innerhalb des Judentums eine Minderheitenposition. Die großen ultraorthodoxen Gruppen betreiben keinen antizionistischen Aktivismus mehr. Die Ideologie des säkularen Zionismus lehnen sie aber nach wie vor ab. Im Zuge dessen werden auch die innerisraelischen Spannungen steigen, denn die Ultraorthodoxen stellen heute bereits 10 Prozent der Bevölkerung – Tendenz sehr stark steigend. Der Burgfrieden hält, doch mit dem demografischen Wandel werden die Auseinandersetzungen zwischen zionistischen und ultraorthodoxen Denkern wieder größer werden.

Dieser Artikel basiert auf der Arbeit Jüdisch-orthodoxer Anti-Zionismus – Organisationen, ideologische Grundlagen, Entwicklung im Fach Judaistik aus dem Jahr 2013.

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