Syrien: Wie konnte sich die Revolution radikalisieren? Teil 7 – Von der Nusra-Front zu ISIS

Flag_of_Jabhat_al-Nusra

Flagge der Nusra-Front mit kalligraphiertem islamischem Glaubensbekenntnis

Spätestens seit Mitte 2014 beherrscht der IS mit seinen brutalen Terroraktionen und der Eroberung weiter Gebiete im Irak und Syrien die Weltschlagzeilen. Was diesen Erfolgen der Terrorgruppe den Boden bereitete findet weniger Beachtung, ist aber für das Verständnis und möglicher Gegenmaßen von hoher Bedeutung. Im Folgenden wird Geschichte al-Qaidas während der Syrischen Revolution und die Entstehung von ISIS bis zum Vorabend der Ausrufung des Kalifats beleuchtet.

Nachdem die Freie Syrische Armee vergeblich um umfassende Unterstützung aus dem Westen gebeten hatte, versuchte al-Qaida genau diese Lücke zu füllen. Ende Januar 2012 veröffentlichte eine neue dschihadistische Gruppierung ein Propagandavideo, in dem sie ihre Gründung bekanntgab. Sie nannte sich Die Unterstützungsfront für die Bevölkerung von Groß-Syrien von Mudschahidin aus Groß-Syrien auf den Schlachtfeldern des Dschihad, auf Arabisch al-Dschabhat an-Nusra li-Ahl asch-Scham min Mudschahidi sch-Scham fi sahat al-Dschihad.

Ihr Erkennungszeichen war von Beginn an das schwarze Banner mit islamischem Glaubensbekenntnis und der darunter geschriebenen Abkürzung Dschabhat an-Nusra. Die US-Regierung stufte sie schnell als Ableger der irakischen al-Qaida-Gruppe ad-Dawla al-Islamiya fi l-Iraq (dt. Islamischer Staat im Irak, später ISIS/IS) ein. Sie erwies sich als sehr effektive Kampfgruppe, da ihre Angehörigen bereits auf den Schlachtfeldern von Afghanistan oder dem Irak Erfahrungen im Kampf gegen die Amerikaner gesammelt hatten.

Die Nusra-Front als „gemäßigte“ al-Qaida

Sie kämpften mit einer Guerillataktik, die auch im Irak ihre Wirkung im Kampf gegen die Amerikaner gezeigt hatte. Bis Dezember 2012 übernahm sie Verantwortung für circa 500 Attacken, darunter einige Selbstmordattentate. Gegen Regimesoldaten ging Dschabhat an-Nusra besonders brutal vor. Gefangengenommene Soldaten wurden oft vor laufender Kamera exekutiert und es gab erste Vorwürfe von Konfessionalismus und Gewalt gegen Andersgläubige. Trotzdem vermied es Dschabhat an-Nusra Fehler aus dem Irak zu wiederholen und achtete darauf, Zivilisten bei Anschlägen zu verschonen. Enthauptungen von Gefangenen, wie sie sonst al-Qaida im Irak auch propaganstisch gefilmt hatte, wurden von Dschabhat an-Nusra zumindest nicht in Szene gesetzt. Auch verwendete sie meist nicht das Emblem von al-Qaida mit Glaubensbekenntnis und weißem Siegel des Propheten, sondern die auch bei anderen neosalafistischen Gruppierungen beliebte schwarze Fahne mit kalligraphiertem islamischem Glaubensbekenntnis. Geschickt gab sie sich als Organisation, die Recht und Ordnung einführte, die Bevölkerung mit Lebensmitteln und Medizin versorgte und versuchte so die Herzen der Menschen zu erreichen, um die eigene Ideologie hoffähiger zu machen.

Am 11. Februar hielt al-Qaida-Chef Ayman az-Zawahiri eine an alle Muslime der Welt gerichtete Rede und appellierte an „jeden Muslim und freien ehrenwerten Mann in der Türkei, dem Irak, Jordanien und dem Libanon seinen Brüdern in Syrien zu helfen, mit allem was er besitzt“, denn das „konfessionalistische Regime ist eine Gefahr für die gesamte islamische Umma“.

Gräueltaten und Zerwürfnis innerhalb von al-Qaida

Allmählich konnte sich die Gruppe in ganz Syrien etablieren und Berichte wurden laut, Dschabhat an-Nusra mache gezielt Jagd auf Christen. In der Armee von Bascharr al-Assad sah sie nicht in erster Linie die Armee eines unterdrückenden Diktators, in offiziellen Pressemitteilungen zu Militäraktionen sprach sie stets von der „alawitischen Armee“ (arab. al-dschaisch an-nusayri). Offiziell bekannte sich die Organisation aus taktischen Gründen erst im April 2013 zu al-Qaida, da Nusra-Chef Muḥammad al-Dscholani dem Qaida-Chef az-Zawahiri die Treue schwor. Gleichzeitig ging dieser aber auf Distanz zu seinen alten Kampfgefährten von al-Qaida im Irak. Dessen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi, hatte zuvor die Fusion des irakischen al-Qaida-Ablegers der sich ISI (Islamischer Staat im Irak) nannte und Dschabhat an-Nusra zu ISIS (abk. Islamischer Staat im Irak und Syrien) unter seiner Führung bekanntgegeben, was Muḥammad al-Dscholani zurückwies. Der oberste al-Qaida-Chef az-Zawahiri solidarisierte sich mit al-Dscholani gegen ISIS. ISIS-Chef al-Baghdadi stellte sich sogar öffentlich gegen az-Zawahiri, was zu erheblichen Spannungen und Zerwürfnissen innerhalb von al-Qaida führte.

Neues taktisches Dschihad-Programm von al-Qaida in Syrien

Mit ISIS betrat eine noch radikalere neosalafistische und dschihadistische Gruppe das Schlachtfeld in Syrien. Ayman az-Zawahiri wollte währenddessen das Image al-Qaidas mit neuen Leitlinien für den Dschihad verbessern. In einer arabischen und einer englischen Erklärung bat er seine Kämpfer: „Avoid fighting the deviant sects such as Rawafidh, Ismailis, Qadianis, and deviant Sufis, except if they fight the Ahl as Sunnah. If they fight the Ahl as Sunnah, even then the response must be restricted to those parties amongst them who are directly engaged in the fight […]Those from amongst them who do not participate in the fight against us and their families, should not be targeted in their homes, places of worship, their religious festivals and religious gatherings”. Dieses Programm kann als Taktik verstanden werden, da man sich davon versprach, leichter zum Ziel eines islamischen Staates zu gelangen. Trotz Gräueltaten durch die Nusra-Front schien diese tatsächlich weniger brutal vorzugehen als ISIS. Eine Mäßigung sollte darunter allerdings nicht verstanden werden

ISIS spaltet sich von al-Qaida ab

IS-Flagge

Ursprüngliche al-Qaida-Flagge, jetzt von ISIS genutzt. Flagge zeigt das Glaubensbekenntnis mit dem Siegel des Propheten.

ISIS schien sich um die Befehle aber nicht zu kümmern. Die Gruppe übernahm die volle Kontrolle über die ostsyrische Stadt ar-Raqqa mit inzwischen etwa einer Million Einwohnern. Christen wurden aus der Stadt gejagt, Kirchen zerstört und die alawitische Gemeinde vertrieben. Aufsehen erregte ISIS in ar-Raqqa durch öffentliche Hinrichtungen von Alawiten._ In einem Propagandavideo mit dem Emblem der Organisation, das am 24. August 2013 bei Liveleak veröffentlicht wurde, hält eine Gruppe von Kämpfern drei Lastwagenfahrer auf, die auf einem Highway in den Irak unterwegs sind. ISIS präsentiert dies als Aktion ihrer „ Löwen von al-Anbar [irakische Provinz die an Syrien grenzt und als Hochburg von ISIS gilt] die [die] Versorgungsrouten der Schiiten zu den alawitischen Hunden abschneiden“. Die Fahrer werden gefragt, ob sie Sunniten sind und bejahen dies. In dem Video werden die Untertitel „Hunde der Alawiten geben sich als Sunniten aus“ eingeblendet. Anschließend fragt ein Dschihadist, wie viele Verbeugungen sie bei Gebeten machen, zum zu testen, ob sie tatsächlich Sunniten sind. Dies beantworten sie falsch. ISIS richtet die Männer deswegen hin. Während die Schüsse fallen werden Koranverse gesungen.

In der Region um ar-Raqqa, die von ISIS beherrscht wird, wurde auf Geheiß Abu Bakr al-Baghdadi, der sich inzwischen mit dem Kalifentitel Amir al-Mu’minin (dt. „Befehlshaber der Gläubigen“) schmückte, die Kopfsteuer für Christen (Dschisya), eingeführt. Den Schutzstatus nennt man Dhimma. Wer die Steuer zahlt gilt als geschützt, alle anderen dürfen –so die ISIS-Ideologie- getötet werden. Die Brutalität von ISIS war sogar der al-Qaida-Führung zu radikal. In einer Pressemitteilung erklärte sie, dass „al-Qaida keine Verbindung zur Gruppe ISIS hat“. Damit ist nur noch Dschabhat an-Nusra offizielle al-Qaida-Gruppe in Syrien. Wie man an dem Dhimma-Vertrag von ISIS sieht, versuchen die Radikal-Neoalafisten den Konfessionalismus zu institutionalisieren und zu ihrer Staatsraison zu machen. Dies muss Gegenreaktionen bei den Minderheiten hervorrufen, die in einem solchen Staatswesen niederen Ranges sind oder ermordet werden.

ISIS gegen den Rest

Ab Januar 2014 erklärten die Freie Syrische Armee, die Islamische Front, andere Rebellengruppen und auch al-Qaida ISIS den Krieg. Zeitgleich rief die zivile Opposition zu landesweiten Demonstrationen gegen ISIS auf. FSA und IF konnten ISIS aus weiten Teilen Nord-Syriens vertreiben. Kurze Zeit konnte ar-Raqqa der Kontrolle von ISIS entrissen werden, wurde aber kurze Zeit später zurückerobert. In Ost-Syrien scheiterte die Offensive und ISIS konnte seine Macht verfestigen. Damit war die Grundlage für den Aufstieg der Terrorgruppe und die Ausrufung des „Kalifats“ gelegt.


Wie ISIS zum IS wurde? Einen Artikel darüber finden Sie hier.

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