Syrien: Wie konnte sich die Revolution radikalisieren? Teil 6 – Zwischen Regime und Dschihadisten: Christliche Milizen in Syrien

Logo_of_the_Syriac_Military_CouncilTeil 6 der Reihe Syrien: Wie konnte sich die Revolution radikalisieren? betrachtet einige christliche Milizen in Syrien, die sich entweder dem Regime, der Freien Syrischen Armee oder der syrischen PKK (YPG) angeschlossen haben. Der Artikel basiert auf Recherchen bis Ende März 2014 kurz vor dem rasanten Aufstieg des IS ab April, da die Reihe das Vorfeld des Erfolgs des IS beschreibt. Betrachtet werden nur Teilaspekte und eine Auswahl an militanten Organisationen, keine zivilen Oppositionellen oder Regimebefürworter. Auf die Frage, ob sich die Christen mehrheitlich regimenah oder regimekritisch positionieren wird aufgrund der hohen Komplexität und der Tatsache, dass eine Beantwortung dieser Frage nahezu unmöglich ist, verzichtet. Es soll lediglich ein Überblick über einzelne Positionierungen bis zu der Zeit kurz vor den Erfolgen des IS und den damit verbundenen Schwierigkeiten dargestellt werden.

Christenmilizen in der Freien Syrischen Armee

Trotz der Entwicklung in Richtung Krieg mit konfessionellem Charakter gab es immer wieder seitens oppositionell gesinnter Christen Versuche, innerhalb der Rebellen ein Gegengewicht zu Dschihadisten zu bilden. Am 31. März 2013 wurde die Gründungserklärung der Katibat al-Qadis Dschurdschus (dt. „Brigade des Heiligen Georgius) in Suqailabiya in der Region Hama veröffentlicht. Für die österreichische Tageszeitung Die Presse berichtete der Journalist Peter Steinbach am 11. Mai 2013 in einem Artikel von der Gruppierung und interviewte hierfür Kämpfer. Peter Steinbach recherchiert regelmäßig vor Ort und berichtete bereits für die Redaktion Qantara der Deutschen Welle aus Aleppo. Zwar sei die christliche Gruppe, laut Steinbach, mit etwa 100 Mann recht klein und noch im Aufbau befindlich, doch habe sie in der Region das Potenzial mehrere Hundert Mann rekrutieren zu können.

Ein weiteres Gründungsvideo einer christlichen Einheit aus Damaskus wurde am 31. Juli 2013 beim Youtubekanal SAM Beirut veröffentlich. Diese Gruppe wurde Teil der christlichen Rebellenformation Ansar Allah (dt. „Helfer Gottes“) in der FSA aus Damaskus. Trotz der wenigen nicht-sunnitischen Rebellengruppen gibt es christliche Einheiten in der bewaffneten Opposition. Dies war in der Vergangenheit ein kleiner Schritt gegen die Konfessionalisierung, aber mit dem Aufstieg der Islamischen Front, von al-Qaida und dem IS nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Christliche Verbände in der Freien Syrischen Armee sind in den vergangenen Jahren allerdings öffentlich wenig präsent gewesen.

Christliche Kämpfer bei der regimetreuen Vaterländischen Verteidigung

Bedroht durch neosalafistische Milizen begannen sich Christen im Wadi an-Nasara (dt. „Tal der Christen“) in der Region Homs in Kampfgruppen zu organisieren. Recht schnell gelang es dem Regime diese christlichen Kämpfer für sich zu gewinnen und in die National Defense Forces (Vaterländische Verteidigung) zu integrieren. Dabei konnte das Regime vom Konfessionalismus und der Radikalisierung in der Freien Syrischen Armee und dem Auftreten neosalafistischer Kampfgruppen profitieren. Die Gebiete liegen in der Nähe der Regimehochburgen im Küstengebiet. Anders ist das bei den entlegenen Siedlungsgebieten der assyrischen/aramäischen Christen in Nordost-Syrien. Das kann durchaus am Konzept des arabischen Nationalismus des syrischen Regimes liegen. Arabischstämmige Christen dürften sich mit diesem eher identifizieren als aramäischsprachige Assyrer, deren Sprache und Kultur nicht in das Weltbild des syrischen Regimes passten. Ein ausführlicherer Artikel zu den regimetreuen christlichen Kämpfern findet sich hier.

Christliche Milizen zwischen Dschihadisten, PKK und Regime: Assyrische Militärorganisationen

An die 200.000 Christen in der östlichen Region al-Hasake waren bald insbesondere mit den neosalafistischen und dschihadistischen Milizen von Ahrar asch-Scham, Dschabhat an-Nusra und ISIS konfrontiert, die versuchen in die ölreiche Provinz vorzustoßen. In Qamischli wurde daher die christliche Miliz Sutoro gegründet. Sie kooperiert intensiv mit der kurdischen Democratic Union Party (YPG), dem syrischen Ableger der PKK. Während der Kampfhandlungen spaltete sich die Sutoro aber bezüglich der Loyalität. Eine Sutoro-Fraktion aus Qamischli steht seither an der Seite Baschar al-Assads, was die Spaltung innerhalb der christlichen Gemeinde bezüglich Loyalität und Gegnerschaft zum Regime veranschaulicht und die Schwierigkeit dieser Minderheit verdeutlicht.


Anfang 2013 wurden die christlichen Gebiete immer mehr in den Krieg hineingezogen. Die Gemeinden entschlossen sich in erster Linie zur Selbstverteidigung und für den Verbleib der Christen in Syrien zu kämpfen und erklärten am 13. Januar 2013 in einer Videobotschaft die Gründung vom Syriac Military Council, das vor allem die Interessen der Assyrer verteidigen sollte. Zudem erklärte es seine Gegnerschaft zum Regime von Baschar al-Assad und sprach sich für „den Sturz des Systems der Baath-Partei“ aus. Als Hauptgegner sieht die Christenmiliz aber die Dschihadisten und operiert seit Januar 2014 unter dem Dach der kurdischen Democratic Union Party bei Offensiven gegen ISIS. Trotzdem gibt es verstärkt Berichte, dass die kurdische YPG gezielte ethnische Säuberungen betreibt und unter anderem auch christliche Einheiten in Qamischli angreift.

Traumatisch scheint für die syrischen Christen auch der Einmarsch von starken neosalafistischen Kampfverbänden, inklusive al-Qaida, in die Stadt Ma’aloula am 23. März 2014 gewesen zu sein, eine der wenigen Orte, wo Aramäisch noch gepflegt wird. Dabei wurde von den Dschihadisten auch mindestens ein Selbstmordattentäter eingesetzt. Außerdem nahm Dschabhat an-Nusra mehrere christliche Nonnen als Geiseln.

Spaltung der Christen Syriens

Zwar wurden hier nur einige wenige Aspekte der Rolle der Christen während des Aufstandes in Syrien beschrieben und die Betrachtung beschränkte sich auf eine Auswahl militärischer Organisationen. Allerdings erkennt man an der Entstehung dieser Christenmilizen eine Intensivierung des Konfessionalismus im Arabischen Frühling in Syrien. Doch scheint die christliche Gemeinde in der Frage Unterstützung oder Gegnerschaft zum Regime gespalten zu sein. Ihr Hauptfeind sind die neosalafistischen Milizen. Der Einmarsch von Dschihadisten in Ma’aloula und die Eroberung der armenisch-christlichen Ortschaft Kasab durch eine Koalition aus Ahrar asch-Scham, al-Qaida und anderer radikaler Rebellengruppen in der Nähe von Lattakiya am 23. und 24. März 2014 setzt die Christen unter Zugzwang, sich aufgrund existenzieller Bedrohung für eine „starke Seite“ zu entscheiden oder das Land zu verlassen. Christliche Kämpfer sind im Kampf gegen den IS seit 2014 stark präsent. Insbesondere die Dörfer von Khabour befinden sich im Kampf um ihre blanke Existenz und gegen eine vollständige Vernichtung des aramäischen Christentums in der Region. In ihrer Rolle als Minderheit müssen sie sich je nach Situation mit dem Regime, der Freien Syrischen Armee oder der PKK arrangieren, aber auch ständig mit deren Attacken rechnen.


Empfehlung: Weiterer ausführlicher Bericht zur neueren Geschichte der Assyrer in der Region von Mardean Isaac auf Syria Comment: http://www.joshualandis.com/blog/the-assyrians-of-syria-history-and-prospets-by-mardean-isaac/

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