Kommentiert: Fatwa gegen Händchenhalten in der Türkei

Fabian Schmidmeier

Nach Artikeln im Spiegel und der Welt gibt es wieder Aufregung bezüglich der Türkei. Grund ist diesmal ein Fatwa der Religionsbehörde, wonach diese angeblich Paaren „verbieten“ würde zu flirten oder Händchen zu halten.

Was ist ein Fatwa?

Ein Fatwa ist ein islamisches Rechtsgutachten ohne jegliche rechtliche Bindung oder Rechtsrelevanz. Es handelt sich um eine islamisch-theologische Meinung, mehr nicht. Für religiöse Menschen sollen Fatwas eine Anleitung zu einem gottgefälligen Leben darstellen. Fatwas sind aber durchaus sehr individuell, das heißt von Mufti zu Mufti (der die Fatwa ausstellt) unterscheiden sich diese teils erheblich. Es ist also die persönliche Entscheidung jedes Gläubigen einem Fatwa zu folgen, oder eben nicht.

Warum derartige „Empfehlungen“?

Nach islamischer Vorstellung ist außerehelicher Geschlechtsverkehr (Zina) eine schwere Sünde. Zina ist der vollzogene Geschlechtsakt. Dieses Thema wird im Koran ab Sure 24:2 ff. behandelt und beschrieben. Da Zina im islamischen Wertesystem eine schlimme Sünde ist, soll folglich das vermieden werden…

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3 Kommentare

  1. „Es handelt sich um eine islamisch-theologische Meinung, mehr nicht.“

    Das liest sich ja fast danach, als würden wahre Gelehrte Fatawa nach ihren eigenen Gelüsten erstellen und sich ihren eigenen Verstand dabei zum Ilah nehmen!

    Wahrhafte Gelehrte legen auf die „eigene Meinung“ jedoch keinerlei Wert, sondern vertreten die Islamische Sichtweise: „Allah sagt, Sein Gesandter sagt“. Sie philosophieren auch nicht um den heißen Brei herum sondern verabscheuen vielmehr die Philosophie (sowie die Philosophen) aus dem tiefsten Inneren.

    Die eigene Meinung ist im Islam nichts Wert, wenn sie nicht Qur’an und Sunnah untermauert wird!

    Wobei ich damit nicht sagen will, dass diese Türken wahrhaftige Gelehrte seien. Sie sind mir unbekannt.

    Wie bindend Fatawa sind, weiß ich nicht, aber es gibt allgemeine Fatawa und individuelle, die man sich für seinen spezifischen Fall selbst erstellen lassen kann. Wenn man irgendwo nicht weiter weiß, soll man schließlich die Leute des Wissens danach befragen.

    1. Das sollte Ihrer Meinung nach eventuell so sein, ist jedoch historisch und faktisch völlig unhaltbar. Al-Farabi, Ibn Arabi, Avicenna und viele mehr setzten sich durchaus konstruktiv mit der Philosophie auseinander oder betrieben sie selbst. Zu diesem Thema empfehle ich aus der Beck’schen Reihe „Islamische Philosophie“.

      Eine Rechtsfindungsmethode ist der Idschtihad. Das ist ohne Zweifel das eigenständige Raisonnement, das durch einen Hadith über eine Begegnung von Mu’adh ibn Dschabal und Muhammad belegt wird. Wenn alle Rechtsquellen, wie heiliges Buch und Lebensweise des Propheten ausgeschöpft seien, dann dürfe der Gelehrte sich durchaus seines eigenen Verstandes bedienen „wa-adschtahidu bi-ra’yi“. Dass jegliche islamische Rechtsfindungsmethodik im Rahmen islamischer Werte und Normen ablaufen muss versteht sich von selbst. Dass es dabei unterschiedliche religiöse Meinungen gibt sollte völlig logisch sein. Ich habe den Gelehrten nie unterstellt, sie würden sich die eigenen Gelüste zum Gott nehmen oder über ihn stellen. Dass die persönliche Prägung eines Gelehrten aber auch in seine Ansichten und seinen Idschtihad mit einfließen ist bei jedem so. Auch bei Ihnen.

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