Syrien: Wie konnte sich die Revolution radikalisieren? Teil 4 – Die Entwicklung radikal-islamistischer und neosalafistischer Rebellengruppen vor dem Aufstieg des IS

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Zahran Alloush, Militärchef der Islamischen Front und Chef der Dschaisch al-Islam

Seit der Schlacht von Aleppo im Juli 2012 radikalisierte sich ein großer Teil der syrischen Rebellen zusehends. Die Führung der Freien Syrischen Armee büßte immer mehr an Sympathie ein. Neosalafistische Kampfgruppen konnten dies für sich nutzen. Welche Gruppen dominierten in diesem Spektrum in Syrien bis zum Aufstieg des IS? Welche Programmatik verfolgten und verfolgen neosalafistische Rebellen? Diese Fragen sind bei einer Erklärung des Erfolges von al-Qaida und IS von enormer Bedeutung. Im Folgenden wurden die wichtigsten neosalafistischen Kampfgruppen Syriens dargestellt und deren Programme übersetzt und analysiert. Al-Qaida und der IS werden nicht in diesem Teil behandelt.

Inhalt:

1. Die neosalafistische Bewegung Ahrar asch-Scham: Wohlfahrt und Guerilla

2. Die Gründung der Syrischen Islamischen Front

2.1 Die Charta der Syrischen Islamischen Front: Sturz des Regimes und Errichtung einer „zivilisierten islamischen Gesellschaft“

2.2 Konsequenzen für die nicht-sunnitische Bevölkerung Syriens

3. Die Gründung der Islamischen Front

3.1 Die antischiitische Ideologie von Zahran Alloush und der Islamischen Front

3.2 Die Charta der Islamischen Front und Konsequenzen für Nicht-Sunniten und die Haltung gemäßigter Sunniten

4. Fazit: Konfessionelle Polarisierung als unausweichliche Folge


 

1. Die neosalafistische Bewegung Ahrar asch-Scham: Wohlfahrt und Guerilla

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Logo der „Islamischen Bewegung der Freien Männer der Levante“

Bei den anfänglichen Großdemonstrationen im Jahre 2011 schienen radikale Islamisten nur vereinzelt den Ton anzugeben. Mit der zunehmenden Brutalität des Regimes wurde das Erscheinungsbild der Demonstrationen immer religiöser geprägt. Eine immer deutlichere Konfessionalisierung trat ein. Durch die Zerstörung eines großen Teils der Gebiete unter oppositioneller Kontrolle wuchs die Not der Zivilbevölkerung.

Die syrische Luftwaffe bombardierte neben Stellungen der Freien Syrischen Armee auch gezielt die zivile Infrastruktur. Mit Streubomben bombardierte sie Felder, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu erschweren. Ein Großteil dieser Streumunition explodiert erst nach dem Abwurf durch Berührung durch Menschen oder Maschinen. (Vgl. Armbruster, Jörg: Brennpunkt Nahost. Die Zerstörung Syriens und das Versagen des Westens, Frankfurt am Main: Westend 2013, S. 24-25. ) In Folge der Verarmung und der Lebensmittelknappheit in der breiten Bevölkerung bekamen Syriens Neosalafisten ein neues, nicht-militärisches Betätigungsfeld, das die FSA ihnen scheinbar überließ. Sie begannen mit Hilfslieferungen an Bedürftige. Ein Beispiel wäre die nationalistisch-neosalafistische Bewegung Ahrar asch-Scham (dt. „Freie Männer der Levante“). Laut TIME Magazine begannen die Vorbereitungen zur Gründung dieser Gruppierung bereits direkt nach der Revolution in Ägypten vor dem 15. März 2011. Fuß fassen konnte sie allerdings erst später.

Ahrar asch-Scham übernahm humanitäre Aufgaben. Dazu gehörten insbesondere die Verteilung von Lebensmitteln und Decken an Notleidende, sowie Koran-Unterricht für Kinder. Humanitäre Hilfe wurde gezielt mit Da’wa-Arbeit (dt. in etwa „Predigt“, „Missionierung“) verknüpft. Neu waren die Möglichkeiten dies mithilfe der sozialen Medien in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Das Engagement von Ahrar asch-Scham galt aber nicht den Syrern als Volk, sondern explizit den Sunniten.

Ahrar asch-Scham verfügt neben dem humanitären auch über einen militärischen Flügel. Zunächst beschränkten sich die Milizionäre auf Guerillataktiken, wie der gezielten Platzierung von Minen und improvisierten Sprengkörpen, womit von die regimetreue Armee attackiert wurden. Mit dieser Form der asymmetrischen Kriegsführung versuchten Rebellenorganisationen ein Gegengewicht zur militärischen Überlegenheit des Regimes aufzubauen. Zuvor war diese Taktik vor allem von Milizen im Irak, insbesondere durch al-Qaida, angewandt worden. Das gleiche Szenario wiederholte sich nun in Syrien. Mit solchen Methoden konnten die Rebellengruppen innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Panzer der regimetreuen Armee vernichten. Social-Media-Aktivisten von Ahrar asch-Scham filmten Militäreinsätze und inszenierten die eigenen Kämpfer bewusst als Mudschahidun (hier dt. „Kämpfer des bewaffneten Dschihad“), die sich im Heiligen Krieg mit dem Asad-Regime befänden. Die Gefechtsvideos wurden daher mit religiösen Kriegsgesängen, sogenannten Anaschid, versetzt._ Die Propagandavideos beginnen oft mit der Rezitation der Basmala. Bei den Aufnahmen Kata’ib Ahrar asch-Scham erkennt man bereits die religiöse Interpretation der syrischen Revolution.

2. Die Gründung der Syrischen Islamischen Front

Unter der Federführung von Ahrar asch-Scham wurde am 21. Dezember 2012 die Syrische Islamische Front (SIF) als erster großer islamistischer bis neosalafistischer und von der Freien Syrischen Armee unabhängiger Rebellenverband gegründet. Ziel der Vereinigung war es, die Schlagkraft zu vergrößern und dem syrischen Volk die Vision einer neuen Staatsform anzubieten. Der am 23. Januar 2012 neu entstandene al-Qaida-Ableger Dschabhat an-Nusra hatte eine Einladung zu den Verhandlungen abgelehnt. Insgesamt erklärten 11 teils neosalafistische Milizen ihren Zusammenschluss zur Syrischen Islamischen Front.


Die größte von ihnen waren die nationalistisch-neosalafistischen Ahrar asch-Scham, deren Operationsgebiet inzwischen in ganz Syrien lag. Daneben waren vertreten Liwa al-Haqq (dt. „Brigade der göttlichen Wahrheit“ (Ḥoms), Ḥarakat al-Fadschr al-Islamiya (dt. „Bewegung des islamischen Morgengrauens“; Aleppo und Umgebung), Dschama’at aṭ- Ṭali’a al-Islamiya (ländlicher Raum bei Idlib), Kata’ib Ansar asch-Scham (dt. „Brigaden der Helfer der Levante“; Lattakiya und Umgebung), Katibat Mus’ab ibn Umayr (Aleppo und Umgebung), Dschaisch at-Tawhid (dt. „Armee des Monotheismus“; Deir ez-Zor) und Katibat Ṣuqur al-Islam (dt. „Brigade der Falken des Islam“), Kata’ib al-Iman al-Muqatila, Saraya al-Mahamm al-Khassa, und Katibat Hamza ibn Abd al-Muttalib (Damaskus und Umgebung). Damit war ein alle Regionen Syriens übergreifendes, unter gemeinsamer Flagge operierendes, sich neosalafistisch präsentierendes Netzwerk entstanden, das eine enorme Schlagkraft aufweisen konnte. Führer der neuen Organisation wurde Abu Abdallah al-Hamawi von Ahrar asch-Scham.

2.1 Die Charta der Syrischen Islamischen Front: Sturz des Regimes und Errichtung einer „zivilisierten islamischen Gesellschaft“

Im Januar 2013 stellte die Syrische Islamische Front (SIF) Grundsätze und Ziele in einer Charta vor. Diese ist unterteilt in eine Einleitung, vier Kapitel und den Schluss mit der Unterzeichnung der beteiligten Kampfeinheiten. Zum Verständnis der Ideologie der SIF wurde das Programm übersetzt und in den folgenden Absätzen analysiert.

Der religiöse Charakter der Charta (Arabisches Original; Deutsche Übersetzung) wird in den einleitenden Sätzen „Dank sei Gott. Wir preisen ihn und ihn bitten wir um Verzeihung und Rechtleitung. Segen und Friede sei mit dem Diener Gottes und Seinem Gesandten, unserem Propheten Muhammad, mit seiner Familie und allen seinen Gefährten“ deutlich. Man habe sich „die Pflicht der Scharia erfüllend“ zusammengefunden um eine Dachorganisation mit verschiedenen islamischen Gruppierungen zu bilden.

Hauptziel der Front sei der Sturz des Assad-Regimes und gleichzeitig die „Verankerung der Religion im Individuum, der Gesellschaft und dem Staat“ zusammen mit der „Bewahrung der islamischen Identität in der Gesellschaft und der Schaffung einer vollwertigen islamischen Persönlichkeit“ Sich gegenüber der Exilopposition und damit auch von der Freien Syrischen Armee abgrenzend betont die SIF, dass sich alle „Hauptquartiere der Front […] in Syrien“ befänden.

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Logo der „Syrischen Islamischen Front“

Die SIF sah ihre Vision für die Zukunft Syriens im „Aufbau einer zivilisierten islamischen Gesellschaft in Syrien, regiert vom Gesetz Gottes“. Einzige Alternative zum Regime der Baath-Partei könne nur ein islamischer Staat auf Scharia-Basis sein. Vor allem die „zivilisierte islamische Gesellschaft“ ist ein Leitbegriff, der mehrmals in der Charta erwähnt wird. Die SIF präsentiert sich in der Charta zudem sunnitisch, da ihre „Überzeugungen […] dem Weg der Sunniten [entstammen], abgeleitet vom Buch Gottes und der korrekten Sunna des Propheten – Friede und Segen seien auf ihm. Zudem basieren sie auf dem Verständnis der Salaf as-Salih (dt. „fromme Altvordere“), der Sahaba (Prophetengefährten), der Tabi’un (Nachfolger der Prophetengefährten) und der Imame“. Vor allem die Referenz auf die Altvorderen bildet einen Gegensatz zu Alawiten und Schiiten, da diese die ersten drei Kalifen der Sunniten, Abu Bakr (632-634 n.Chr.), Omar ibn al-Khattab (634-644 n. Chr.) und Uthman ibn Affan (644-656) nicht anerkennen und zu einem großen Teil sogar verfluchen.

Zwar sieht sich die SIF auf einem „Weg der Mitte und Mäßigung, weit entfernt von religiösem Extremismus“_, trotzdem liegt ihr Fokus „auf dem Aufbau richtigen Glaubens“. Damit beansprucht sie für sich selbst eine religiöse Erzieherfunktion für alle Syrer, ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit. Konkreter wird die SIF in Kapitel 4 Die Beziehungen zu den einzelnen Elementen der syrischen Gesellschaft, wo sie ihr Verhältnis zu Muslimen und Nicht-Muslimen erklärt. Die SIF betont die „Unantastbarkeit des Muslims“ (arab. hurmat al-muslim) fördern zu wollen. Gleichzeitig wolle sie die „Herrschaft über ihn [den Muslim] durch Unglaube (kufr), Sündhaftigkeit (fisq) oder unerlaubte Neuerungen (bid’a)“_ verhindern. Gegenüber Muslimen sollen die Mitglieder der SIF gerade in Kriegszeiten stets Barmherzigkeit und Nachsichtigkeit walten lassen. Sie sollen sich um „den Zustand der Muslime in allen Teilen Syriens“ sorgen und unter anderem „die Bekämpfung von Korruption und die Reinigung der Gesellschaft von Bestechung, sowie […] [den] Schutz der allgemeinen Löhne vor menschlicher Ausbeutung […] [als] Grundlagen der rechtgeleiteten Herrschaft“ ansehen. Dem Verhältnis zu Nichtmuslimen widmet die SIF ein Unterkapitel und betont, dass der „Islam Staatsreligion und [dass] er […] die wichtigste und einzige Quelle der Gesetzgebung“ sei. Demzufolge müssten sich alle Nicht-Muslime einer sunnitischen Gesetzgebung unterwerfen. Eine Teilung Syriens entlang ethno-konfessioneller Linien lehnt die SIF vehement ab. Damit verdeutlicht sie erneut, dass sie die sunnitische Herrschaft in den mehrheitlich von Nicht-Sunniten oder Nicht-Muslimen bewohnten Gebieten für die Sunniten Syriens beansprucht: „Es wird berücksichtigt, dass alle Syrer die Rechte genießen, die das Gesetz Gottes für sie vorsieht.“_ Hierbei wird die SIF nicht konkreter. Nicht erwähnt werden Kopfsteuer für Juden und Christen (arab. Dschisya) oder Bestrafung von Apostasie und Abweichung vom „reinen Weg der Altvorderen“. Zwar lehnt die Front eine Verfolgung von Nicht-Muslimen nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ab, Christen und Nicht-Sunniten wären aber in einem solchen Staate nicht gleichberechtigt mit Sunniten und damit mindestens Bürger zweiter Klasse.

2.2 Konsequenzen für die nicht-sunnitische Bevölkerung Syriens

Die Etablierung der SIF verdeutlicht die Etablierung des militanten Neosalafismus in den Reihen der Revolution, mit allen Konsequenzen für Nicht-Sunniten. Religiös motivierte politische Ziele der SIF zur Schaffung eines islamischen Staates würden die ohnehin schon vorhandenen konfessionellen Gräben in der syrischen Zivilgesellschaft vertiefen und institutionell zementieren. Die nicht-muslimischen Minderheiten wären automatisch Bürger zweiter Klasse, da sie sich der Gesetzgebung einer anderen Religion unterordnen müssten. Mit einer solch radikalen Position könnten sich selbst oppositionell gesinnte christliche Syrer nicht identifizieren, was zwangsläufig zu einer Entfremdung syrischer Nicht-Sunniten von der Revolution führen muss, da ein Sieg der SIF deren bisherige rechtliche Stellung verschlechtern würde. Träten sie für die SIF ein, würden sie für ihre eigene Diskriminierung kämpfen.

Auch die Status der 12er-schiitischen, alawitischen und drusischen Minderheiten bleiben unklar. Zwar betont die SIF, dass keine religiöse Gemeinschaft Verfolgung zu befürchten hätte, wenn sie nicht für Assad gekämpft hätte, doch ist damit die Bestrafung angeblicher Apostasie nicht geklärt. Die SIF bezeichnete Drusen und Alawiten meist als Angehörige anderer Religionen, das heißt als Nicht-Muslime, aber nicht als Kuffar. Dies zeigt zwar erneut einen gewissen Pragmatismus im Vergleich zur dschihadistischen Neosalafīya, doch bleibt ungewiss, was diese Minderheiten nach einer Machtübernahme durch Gruppen wie die Syrische Islamische Front tatsächlich zu erwarten hätten.

3. Die Gründung der Islamischen Front

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Logo der „Islamischen Front“ mit Untertitel „Projekt Umma“

Nachfolger der Syrischen Islamischen Front wurde die Islamische Front. Der 22. November 2013 markierte einen Wendepunkt für die Kräfteverhältnisse in der bewaffneten syrischen Opposition. Die sieben inzwischen größten und stärksten Kampfverbände aus allen Regionen Syriens sagten sich komplett von der Exilopposition und der Freien Syrischen Armee los und verkündeten in einer Videobotschaft die Gründung der Islamischen Front (IF). Ihr sollten von nun an die Bewegung Ahrar asch-Scham, die Alwiyat Ṣuqur asch-Scham (dt. Brigaden der Falken der Levante“), Kata’ib Anṣar asch-Scham, die vor allem in und um Damaskus aktive und schlagkräftige Dschaisch al-Islam, die ehemals unter dem Kommando der Freien Syrischen Armee kämpfende Liwa at-Tawhid (dt. „Brigade des Monotheismus“; siehe hierzu Teil 2 dieser Reihe), Liwa al-Ḥaqq und die Kurdische Islamische Front angehören._ Die IF löste mit ihrer Gründung die FSA als größten oppositionellen Kampfverband und die Syrische Islamische Front als Dachverband der islamistischen Milizen ab. Im Gegensatz zur FSA sieht die IF ihr Ziel in der Errichtung eines islamischen Staates nach einem Sturz des Regimes.

Signifikant für die neue Rebellenkoalition ist, Dschabhat an-Nusra (al-Qaida) oder ISIS ausgeschlossen sind. Die panarabische Zeitung Alsharq al-Awsaṭ bewertete dies als einen „important change within Syria’s shifting Islamist and rebel alliances“. Damit bekam al-Qaida, die inzwischen in Syrien mehr an Boden gewonnen hatte, eine starke neosalafistisch orientierte Konkurrenz. Andrew Tabler, Syrien-Experte beim Washington Insitute, sieht hinter der Formierung der IF das Vorhaben Saudi-Arabiens, eine Machtübernahme durch al-Qaida zu verhindern.

Zahran Alloush, der Chef der Dschaisch al-Islam, übernahm die Funktion des IF-Militärchefs. Nach Angaben von Aaron Zelin vom Washington Institute for Near East Policy avancierte die Dschaisch al-Islam seit Ende 2011 zur Rebellengruppe mit der stärksten Kampfkraft. Ḥasan Aboud, Chef von Ahrar asch-Scham, übernahm das Politbüro der IF und Aḥmad Issa asch-Scheich von den Ṣuqur asch-Scham (dt. „Falken der Levante“) wurde zum Vorsitzenden des Schura-Rates (Beratungsgremium) ernannt. Nach Angaben von Alsharq al-Awsaṭ sollte der charismatische Abdel Qader aṣ-Ṣaleh von Liwa at-Tawhid (dt. „Brigade des Monotheismus“) die IF anführen, was durch seine Tötung aber verhindert worden sei.

3.1 Die antischiitische Ideologie von Zahran Alloush und der Islamischen Front

Die anti-schiitische und anti-alawitische Ausrichtung der Islamischen Front wird in Äußerungen von Führungspersonen der Dachorganisation deutlich. Am 9. Dezember 2013 twitterte der Chef des Politbüros von Liwa at-Tawhid, Abd al-Aziz Salama, „die Ausrottung/Beseitigung der Alawiten aus der Levante ist der erste Schritt zur Stärkung der Sunniten“. Liwa at-Tawhid gehört zu den Gründungsmitgliedern der IF und nimmt neben der Dschaisch al-Islam (dt. „Armee des Islam“) aus Damaskus eine Schlüsselfunktion ein, da das von ihr kontrollierte Gebiet die Wirtschaftsmetropole Aleppo ist.

In der IF ist Militärchef Zahran Alloush ein besonders anti-schiitischer Agitator. Er wurde im Rahmen einer Generalamnestie im Jahre 2011 gemeinsam mit hunderten radikalen Dschihadisten vom Assad-Regime freigelassen. Bereits vor der Gründung der IF verkündete er in Progapandavideos der Dschaisch al-Islam, dass „die Mudschahidun Syrien vom Schmutz der Rafida (polemisches Wort gegen Schiiten) […] reinigen“ würden. Das Damaszener Viertel Ghouta, in dem Zahran Alloush mit der Dschaisch al-Islam besonders aktiv ist, wähnt er von „Madschus der Rafida und Nusayriya“ (polemische Bezeichnungen gegen Zoroastrier, Schiiten und Alawiten) umzingelt.

Alloush benutzt hier die Bezeichnung Madschus in Kombination mit Rafida. Beide Begriffe sind pejorativ zu interpretieren und sollen die Schiiten kollektiv abwerten. Die Madschus waren eine Priesterkaste und damit eine Art Elite im Sassanidenreich. Im Arabischen wird Madschus als Bezeichnung für die Zoroastrier, die Anhänger einer monotheistischen, aber dualistischen Religion im historischen Persien, verwendet. Durch diesen Begriff will er Schiiten und Alawiten als nicht-muslimische Götzendiener diffamieren und verdeutlich, dass sie keine richtigen Araber, sondern nach den Worten von Joshua Landis, „Kryptoiraner“ seien. Rafida heißt Ablehner und wird von sunnitischer Seite als polemische Bezeichnung für die späteren Zwölferschiiten gebraucht, da diese insbesondere die Kalifen Abu Bakr, Omar und Uthman ablehnen, die für die Sunniten zu den verehrten Altvorderen gehören. Um seine antischiitische Rede zu untermauern werden bei dem Propagandavideo Sequenzen des radikal-schiitischen Scheich Yasir al-Habib aus Kuweit eingeblendet. Dieser ist bekannt für seine religiösen Reden und Predigten, in welchen er Abu Bakr und die Lieblingsfrau Muhammads, Aischa, verflucht. Da dies einen Affront für Sunniten darstellt, wird al-Habib in dem Video als al-khabith (dt. „der Bösartige“), bezeichnet. In dem Ausschnitt, der bei Alloush eingeblendet wird, meint al-Habib in Richtung neosalafistischer Milizen „wenn sie wollen, dass das Ummayadenreich in der Levante von neuem zurückkehrt, dann werden wir das nicht zulassen […] wir sind stärker.“_ Zahran Alloush entgegnet: „Ich bringe euch frohe Botschaft ihr unreinen Rawafid (Plural von Rafida), so wie die Ummayaden einst eure Köpfe zerstampften, so werden die Bewohner von Ghouta und der Levante eure Köpfe später zerstampfen“. Der einzige Grund, warum die Schiiten dieses neue Ummayadenreich nicht wollten, sei die Tatsache, dass „der Staat der Ummayaden ihren alten Madschus-Glanz beendete, weil der Staat der Ummayaden ihre Köpfe zerstampfte und Wahrheit, Gerechtigkeit und Monotheismus (Tawhid) etablierte“.

Durch diese Äußerungen des Militärchefs der IF wird deutlich, dass dieser den Kampf in Syrien nicht als einen Kampf eines Volkes gegen eine Diktatur, sondern als Kampf zwischen Sunniten und Schiiten interpretiert und dabei nicht differenziert, sondern die Schiiten als Kollektiv zum Feind erklärt. Ganz unverhohlen fordert er die Säuberung von Damaskus von allen Schiiten und Alawiten. Das Ziel ist damit nicht der Sturz eines Diktators und seiner Machtelite, sondern eine konfessionell motivierte ethnische Säuberung.

3.2 Die Charta der Islamischen Front und Konsequenzen für Nicht-Sunniten und die Haltung gemäßigter Sunniten

Die neue Dachorganisation formulierte ihre Ziele in einer Charta (Arabisches Original; Deutsche Übersetzung). Diese enthält ein Vorwort, vier Kapitel und einen Schlussteil. Es beginnt mit den Koranversen „Und haltet allesamt an Allahs Seil fest, und zersplittert euch nicht, und gedenkt der Gnadenerweise Allahs euch gegenüber als ihr Feinde wart und Er euere Herzen so zusammenschloß, dass ihr durch Seine Gnade Brüder wurdet, und als ihr am Rande einer Feuergrube wart und Er euch ihr entriß. So macht euch Allah Seine Zeichen klar, auf daß ihr euch leiten laßt“ [3:103] und „Allah liebt fürwahr diejenigen, welche auf Seinem Weg in Schlachtordnung kämpfen, so als wären sie eine festgefügte Mauer.“ [61:4] und schließt mit dem Hadith: „Wenn die Menschen in Scham korrupt sind, dann ist nichts Gutes in euch. Ein Teil meiner Umma wird siegreich sein und unbeschädigt von denjenigen, die gegen sie sind, bis zum Tag des Jüngsten Gerichts“. Dies soll den fromm-muslimischen Charakter der IF verdeutlichen. Als ihre Aufgabe sieht sie „den Aufbau eines islamischen Staates, wo die Souveränität beim Gesetz Gottes des Allmächtigen liegt“. Die IF begreift sich als syrische, aber rein islamische Organisation: „Die Söhne der Front sind Muslime und ihre Treue gilt der Religion Gottes. Der Dschihad und ihre Ablehnung von Tyrannei und Unterdrückung habe sie geeint. Ihr Ziel ist die Etablierung vom Gesetz Gottes.“ Verhandlungen mit dem Regime lehnt sie strikt ab und die regimetreuen Kräfte werden polemisch als „safawidische(n) Gefolgsleute(n) von Assad“ bezeichnet. Die Safawiden waren eine persische Herrscherdynastie. Schah Ismail von den Safawiden führte zwischen 1501 und 1524 den 12er-schiitischen Islam als Staatsreligion ein. Durch diese Formulierung suggeriert die IF, dass die regimetreuen Kräfte in erster Linie Iran-hörig seien. Im Falle der Hisbollah mag dies stimmen, doch sind die Syrer, die Assad unterstützen, in erster Linie Araber. Die Bezeichnung Safawiden für die Anhänger des Regimes ist zudem eine abgeschwächte Form der Aussagen von Zahran Alloush, wonach Alawiten und 12er-Schiiten keine genuinen Araber, sondern iranischer Abstammung seien.

Eine parlamentarische Demokratie lehnt die IF ebenso ab, wie jegliche Form des Säkularismus oder eines zivilen Staates. Allein ein islamischer Staat sei eine Alternative zu dem System der Baath-Partei. Die IF betont, dass sie sich gegen jegliche Form der Teilung Syriens wendet. Dadurch beansprucht die IF eine sunnitische Herrschaft auch über die mehrheitlich von Nicht-Sunniten und Nicht-Muslimen besiedelten Landesteile. Dies würde bedeuten, dass sich circa 26 Prozent der Gesamtbevölkerung damit abfinden müssten, Bürger zweiter Klasse zu sein, denn nur etwa 74 Prozent der Einwohner Syriens sind Sunniten. Ein solcher institutionalisierter Konfessionalismus kann nicht einmal im Sinne oppositionell gesinnter Christen, Schiiten, Alawiten oder anderer Minderheiten sein. Da die bewaffnete Revolution aber seit der Gründung der IF von einer Gruppierung mit derart konfessionalistischen Zielen dominiert wird und die zivilstaatlich orientierte Freie Syrische Armee seit der Gründung der IF nachhaltig geschwächt wurde, kann die logische Konsequenz für die nichtsunnitischen Minderheiten nur die Flucht aus Syrien oder die Hinwendung zum Regime sein. Auch der ehemalige amerikanische Botschafter für Syrien, Ryan Crocker, schrieb in der New York Times im Zusammenhang mit der klar anti-alawitischen Ausrichtung eines Großteils der bewaffneten Opposition: „For the Alawites, it’s simple: we eather hang together or we hang seperately. There was never a question that the security forces would turn against the regime and thereby sign their own death warrants”. Für Crocker selbst stellt al-Asad inzwischen das geringere Übel dar._

Den Christen bliebe im Falle einer Machtergreifung durch Salafisten noch der Status als Schutzbefohlene (Dhimma). Den radikalen Äußerungen von Salama und Alloush nach zu urteilen, wo es um Vertreibung und Tötung der Alawiten und Schiiten ging, ist die Dhimma für Schiiten und Alawiten aber mehr als fraglich. Viele Salafisten ziehen den islamischen Gelehrten  ibn Taymiya (sehr selektiv) als Referenz für Umgang mit Schiiten und Alawiten heran. Dieser konstatierte in einer Fatwa, Alawiten seien ungläubiger als Juden und Christen und rief zum bewaffneten Dschihad gegen die Alawiten auf. Für die Befürchtungen der Alawiten, sie könnten massakriert werden, würde eine Rede des besonders einflussreichen sunnitisch-ägyptischen Gelehrten Yusuf al-Qaraḍawi sprechen, in der er die Worte ibn Taymiyas „die Alawiten sind ungläubiger als die Juden und die Christen“ aufgriff und alle Muslime „zum Kampf an der Seite ihrer Brüder in Syrien“_ aufrief. Damit stellt der Krieg der Konfessionen für die Alawiten und Schiiten einen Krieg um das eigene Überleben dar. Die einzigen pro-alawitischen Kampfgruppen mit hoher Schlagkraft stehen hinter dem Regime. Selbst alawitische Kämpfer, die gegen das Regime eingestellt wären, müssten Verfolgung durch radikal-sunnitische und neosalafistische Milizen befürchten. Eine Entfremdung der Alawiten von der Revolution gegen das Regime ist somit unausweichliche Folge, da sie bei einem Sieg der Neosalafisten in ihrer Existenz bedroht wären.

4. Fazit: Konfessionelle Polarisierung als unausweichliche Folge

Die Gründungen der Syrischen Islamischen Front und später der Islamischen Front und ihre Programmatik zeigen die deutliche Radikalisierung in den Reihen der syrischen Rebellen. Die betont anti-alawitische und anti-schiitische Ausrichtung und die Forderungen nach Errichtung eines streng sunnitischen islamischen Staates müssen zwangsläufig zu einer konfessionellen Polarisierung führen, da sich selbst oppositionell gesinnte Angehörige von Minderheiten nicht mit diesen Inhalten identifizieren können dürften. Assad spielt eine immer neosalafistischere und radikal-islamistischere Ausrichtung von großen Teilen der Rebellen in die Hände, hat er doch von Anfang an die Revolution als Verschwörung von Neosalafisten und Zionisten dargestellt. Die Formierung der Islamischen Front zeigt exemplarisch die flächendeckende Etablierung neosalafistischen Gedankenguts was gleichzeitig den Aufstieg von al-Qaida und dem IS begünstigte. Al-Qaida und dem IS in die Hände spielen könnte die gezielte Tötung der führenden Militärs der IF. Abdel Qader as-Saleh, designierter IF-Chef, verstarb kurz vor der Gründung der IF. Hassan Aboud wurde 9. September 2014 bei einem Bombenanschlag getötet. Am 25. Dezember 2015 fiel Zahran Alloush, gemeinsam mit zahlreichen hochrangigen Funktionären der Dschaisch al-Islam, einem russischen Bombenangriff zum Opfer. Vor allem letzterer Verlust könnte für die Islamische Front ein herber Schlag werden, von dem insbesondere dschihadistische Organisationen wie al-Qaida oder der IS profitieren könnten.


 

Andere Teile der Reihe „Syrien: Wie konnte sich die Revolution radikalisieren?“

Teil 1: Der Aktivist Abdel Basit as-Sarout

Teil 2: Von der Freien Syrischen Armee zur Islamischen Front

Teil 3: Die radikal-schiitischen Milizen an der Seite Assads 

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