Syrien: Wie konnte sich die Revolution radikalisieren? – Teil 1: Der Aktivist Abdel Basit as-Sarout


Teil 1 der Reihe „Wie konnte sich die Syrische Revolution radikalisieren?“

Die syrische Revolution hat ihr Gesicht seit 2011 drastisch verändert. Millionen Syrer sind inzwischen auf der Flucht, radikale Gruppen wie al-Qaida und der IS können immer mehr an Boden gewinnen. Während zahlreiche Aktivisten noch heute für Demokratie und Freiheit eintreten, haben sich andere radikalisiert und radikal-salafistischen oder dschihadistischen Milizen angeschlossen. Eine berühmte Persönlichkeit der syrischen Revolution, bei der sich eine solche Veränderung besonders anschaulich nachweisen lässt, ist der Fußballer Abdel Basit as-Sarout.

Abdel Basit as-Sarout wurde am 1. Januar 1992 im syrischen Homs geboren. Für die syrische U-17- und U-20-Nationalmannschaft stand er im Tor. Er hatte eine große Karriere vor sich. Doch als in Syrien im Jahre 2011 Proteste gegen Baschar al-Assad ausbrachen schließt er sich diesen an. Am 10. Juli 2011 wendet er sich mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit.

(Anm. normalerweise rate ich von MemriTV ab, allerdings ist hier eine gute Übersetzung dabei)
Er hatte mit anderen Menschen aus seiner Stadt in den Monaten davor gegen die Regierung demonstriert. Zu dieser Zeit gingen in verschiedenen Städten Syriens bereits Hunderttausende auf die Straße.

Abdel Basit as-Sarout als syrischer Patriot gegen das Regime

In dem Video vor rot-weiß-schwarzer Nationalflagge weist as-Sarout Vorwürfe von staatlicher Seite zurück, er wolle ein salafistisches Emirat gründen. Über das Verhältnis zu den anderen Konfessionen meint as-Sarout: „Wir haben für Jahrhunderte als Brüder unter dem freien Himmel dieser Nation gelebt, trotz unserer unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse“ Außer der Basmala zu Beginn enthält das Aktivistenvideo keinerlei religiöse Symbolik. Die rot-weiß-schwarze Nationalfahne zeigt Abdel Basit as-Sarout als syrischen Patrioten. Er redet von den Syrern im Allgemeinen, nicht nur von den Sunniten und betont: „Wir sind keine Salafisten. An den Vorwürfen ist nichts Wahres“. Das syrische Regime hatte die Opposition seit Beginn kollektiv als „Terroristen“ verunglimpft.

Gemeinsames Auftreten mit alawitischen Oppositionellen

As-Sarout bemüht sich um ein gemeinsames Auftreten mit anderen Konfessionen, so mit der alawitischen Schauspielerin Fadwa Sulayman. Im Homser Stadtteil al-Khaldiya standen sie am 7. Dezember 2011 gemeinsam auf einer Empore und riefenhurriya li-l-abad ghasban anak ya Asad“ (dt. Freiheit für immer, ob du es willst oder nicht oh Assad) und „wahid wahid wahid asch-scha’b as-suri wahid“. (dt. eins eins eins, das syrische Volk ist eins). Der gemeinsame Auftritt mit einer Hosen tragenden und kurzhaarigen Alawitin, sein glatt rasiertes Gesicht und die Parolen dieser Demonstrationen passen nicht zu den Vorwürfen des Regimes. Sarout bekommt den Spitznamen bulbul ath-thawra (dt in etwa „Vögelchen der Revolution“), da er Revolutionslieder vertont. Das berühmteste Revolutionslied ist Dschanna, Dschanna, Dschanna (dt. Paradies, Paradies, Paradies). In der Studioaufnahme hört man neben dem Gesang von Abdel Basit as-Sarout eine Gitarre. Heutige Salafisten fordern jegliche Musik, außer dem einfachen Gesang mit Handtrommeln, zu vermeiden. Hätte Abdel Basit as-Sarout tatsächlich versucht, ein salafistisches Emirat aufzubauen, dann würden die Aufnahme solcher Lieder und das gemeinsame Auftreten mit „Apostaten“ dem Vorhaben widersprechen.

Mit der Zeit treten aber im Auftreten und dem Erscheinungsbild von Abdel Basit as-Sarout Veränderungen ein. Abdel Basit as-Sarout leitete viele Demonstrationen, in welchen direkt Bezug auf Religion genommen wurde. Ein für den 10. März 2012 datiertes Aktivistenvideo zeigt ihn unweit eines großen Schildes mit der Aufschrift „Wir sind ein Volk, das Gott mit dem Islam stark gemacht hat“. Neben as-Sarout steht ein junger Mann mit einem Stirnband und der Aufschrift Allāhu akbar. Die Demonstrationen gegen das Regime werden immer stärker religiös konnotiert.

Die Radikalisierung tritt ein

In einer Dokumentation des ZDF, die am 12.April 2012 ausgestrahlt wurde, ist Abdel Basit bei einer Demonstration mit einem radikal-sunnitischen Imam zu sehen, der die Parole „wir wollen den Tod der Alawiten“ (ab 28:00) ruft. Es ist nicht klar erkennbar, ob as-Sarout es mitruft oder nicht.

Mit der Zeit mussten aber die brutalen Erfahrungen mit dem Regime – drei mal entkam er nur knapp gezielten Mordanschlägen durch das Regime -, die Tatenlosigkeit der Welt, der Verlust zahlreicher Familienangehöriger und Freunde, Auswirkungen auf as-Sarout haben. Die gemeinsamen Auftritte mit Fadwa Sulayman machen es wahrscheinlich, dass seine radikale Einstellung zu Beginn der Revolution noch nicht vorhanden war und erst nach und nach kam. Die arte-Dokumentation Return to Homs (Anm. sehr sehenswert!) zeigt den verzweifelten Kampf as-Sarouts in Homs und die Brutalität des Krieges, das persönliche Leid as-Sarouts, das zu dieser Radikalisierung einen erheblichen Teil beigetragen haben dürfte. 

Der radikal-islamistische Youtubekanal AhlNussrah veröffentlicht am 14. April 2012 ein auf den 13. April datiertes Aktivistenvideo einer Demonstration in Talbisa bei Homs. Sarout fügt dem muslimischen Glaubensbekenntnis den Zusatz „ich bezeuge, dass Jesus ein Prophet Gottes ist“ hinzu. In einem Trauerlied singt er von einem Märtyrer, der das Paradies als sein neues Zuhause bezeichnet. AhlNussrah versuchte seit Beginn die Revolution als einen Teil eines „Aufstandes der Umma“ zu präsentieren.

Abdel Basit as-Sarout steht von Beginn an der Freien Syrischen Armee nahe. Er blieb kein rein friedlicher Aktivist, sondern beteiligte sich aktiv an Kämpfen gegen die Armee von Baschar al-Assad. Er führt die Brigade Katibat al-Bayda, benannt nach einem Homer Stadtteil, an. In einem Al Jazeera-Mitschnitt, der am 25. April 2012 bei Youtube veröffentlicht wurde, ist Abdel Basit as-Sarout Revolutionslieder singend vor dem Logo der Kata’ib al-Farouq, einer großen Brigadenformation der Freien Syrischen Armee in Homs, zu sehen.

Hinwendung zu radikaler Ideologie und Dschihadismus

In einem am 29. Januar 2014 veröffentlichten Aktivistenvideo hält Abdel Basit as-Sarout eine Wutrede vor Trümmern seiner Heimatstadt und beginnt diese mit „im Namen Gottes des Barmherzigen und Erbarmers. Friede und Segen sei auf unserem Propheten und allen seinen Gefährten“. Auch wenn as-Sarout nie seine Religiosität an sich bestritten hatte ist dieses Auftreten und die Wortwahl ähnlich der von neosalafistischen Kämpfern in Videos, von denen er sich am Anfang stets distanziert hatte. Sich und seine Gruppe bezeichnet er als „Mudschadihin fi sabil Allah“ (dt. Sich Anstrengende auf dem Pfade Gottes, wobei hier der bewaffnete Dschihad gemeint ist) und den bewaffneten Dschihad als von Gott gegebene Pflicht. Er benutzt hierfür den Terminus fard ayn, was nach islamischer Rechtsauffassung die Individualpflicht des Gläubigen, wie Gebet und Fasten, darstellt. (siehe: Meier, Andreas: Der politische Auftrag des Islam. Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. Originalstimmen aus der islamischen Welt, Wuppertal: Peter Hammer 1994, S. 580.)

Der bewaffnete Dschihad gilt eigentlich als fard kifaya, also kollektive Pflicht, das heißt ein stehendes Heer muss in den Kampf ziehen, nicht aber jeder Moslem. Das Konzept für den Dschihad als fard ayn wurde insbesondere von Muhammad as-Salam Faradsch, dem Chef der Dschihad-Gruppe in Ägypten und Freund von al-Qaida-Chef Ayman Muhammad az-Zawahiri, in seinem Werk al-farida al-gha’iba (dt. „die verborgene Säule“, traditionell spricht man von den 5 Säulen des Islam; Dschihadisten hingegen zählen den bewaffneten Dschihad als 6. Säule, was im traditionellen Islam nicht der Fall ist) formuliert. Nach Faradsch ist die Errichtung eines islamischen Staates göttliche Pflicht. Wer sich daran nicht beteilige, der sterbe als Ungläubiger. (siehe: Kogelmann, Franz: Die Islamisten Ägyptens in der Regierungszeit von Anwar as-Sādāt, Berlin: Klaus Schwarz 1994, S. 140.; Allgemein zum islamischen Recht empfehle ich Rohe, Mathias: Islamisches Recht. Geschichte und Gegenwart, C.H. Beck 2009)

Der bewaffnete Dschihad wird bei ihm zur höchsten islamischen Pflicht erhoben, und erhält dadurch den Rang fard ayn. Faradsch begründet dies, laut dem Islamwissenschaftler Franz Kogelmann, damit, dass „die heutigen Herrscher der islamischen Länder eindeutig als Ungläubige zu charakterisieren seien […] [Damit] stehe der Feind inmitten der Muslime und zu allem Überfluß geböte er auch noch über sie. Deshalb gelte der bewaffnete Dschihad als individuelle Pflicht.“. Denn erst wenn sich die Muslime in den Kampf begäben, würde Gott eingreifen und dem Islam zum Sieg verhelfen. Priorität hat für Muhammad as-Salam Faradsch die Bekämpfung des nahen Feindes, womit insbesondere Apostaten gemeint sind.

Am 18. Februar 2014 wird ein Aktivistenvideo publiziert, das Abdel Basit as-Sarout bei einer Demonstration zeigt. Die Menschenmenge trägt ausschließlich weiße und schwarze Flaggen mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Diese Flagge ist bei Dschihadisten beliebt, wird aber nicht nur von ihnen verwendet. Auch as-Sarout selbst trägt eine solche Flagge. Es sind keine grün-weiß-schwarzen Farben der Opposition mehr zu sehen. Viele Männer Tragen schwarze Turbane und lange Bärte mit gestutztem Schnurrbart.

As-Sarout befindet sich nun seit Jahren in einem brutalen Krieg, bei dem er zahlreiche Verwandte und einen Großteil seiner Freunde verloren hatte. Viele der Kämpfer von Homs fühlten sich nicht nur von der Welt im Stich gelassen, sondern auch von der syrischen Opposition und der Freien Syrischen Armee. Die früher sehr medienpräsenten FSA-Brigaden Kataib al-Farouq aus Homs treten seit Anfang 2014 kaum mehr in Erscheinung. Immer mehr dominierten Kampfgruppen mit einem neosalafistischen Auftreten, darunter die nationalistisch-salafistischen Ahrar al-Scham, aber auch der syrische al-Qaida-Ableger Dschabhat an-Nusra (dt. „Unterstützungsfront“). Im Mai 2014 kommt es zu einer Vereinbarung zwischen den verbliebenen oppositionellen Kampfgruppen im Homs und dem syrischen Regime. Diese durften mitsamt ihrer Waffen in die ländlichen Gebiete nördlich von Homs zurückziehen. Auch Abdel Basit as-Sarout befindet sich unter den Kämpfern.

Von der Zeit nach der Ankunft as-Sarouts in Homs Land Nord sind zahlreiche Videoaufzeichnungen erhalten. Diese dokumentieren klar die Radikalisierung as-Sarouts und der Kämpfer hin zum Dschihadismus. Eines zeigt as-Sarout mit Dutzenden Kämpfern in einem Garten, wo er das berühmte Dschihadisten-Naschid wen ayamna wen (dt. „wo sind unsere Tage wo“) anstimmt. Darin wird der dschihadistische Terrorismus als „gepriesen“ bezeichnet (arab. irhabuna mahmud, ab 2:00). In Richtung der Alawiten singen die Kämpfer „wir sind gekommen um euch zu schlachten“ (arab. li dabhi dschinakon, ab 3:20), einer der Kämpfer streicht sich dabei über die Kehle. Eine weitere „Botschaft“ von as-Sarout richtet sich gegen die Hisbollah, die Nusayrier (abwertendes Wort für Alawiten), die Schiiten und gegen die Nationale Koalition.

Hat sich as-Sarout dem IS angeschlossen?

Unklar bleibt as-Sarouts Verhältnis zum IS, der mit al-Qaida brach und nun seine Waffen sowohl gegen Dschabhat an-Nusra als auch die Freie Syrische Armee richtete. Im Netz kursierten zahlreiche Gerüchte, Abdel Basit as-Sarout könne sich dem IS angeschlossen haben. Später wurden diese aber widerlegt. Es existiert ein Bild mit Sarout, wo eine IS-Flagge abgebildet ist. Allerdings kann dieses nicht verifiziert werden und durchaus gefälscht worden sein. Anfang September veröffentlichte as-Sarout ein Video, in dem er betonte, dass seine Kampfgruppe Katibat al-Bayda nicht zum IS gehöre, sondern unabhängig sei. Anfang November 2015 hingegen veröffentlichte Dschabhat an-Nusra ein Video, in dem as-Sarout vorgeworfen wurde dem IS die Gefolgschaft geschworen und IS-Kämpfern Obdach gegeben zu haben. Daraufhin habe es Gefechte zwischen der Nusra-Front und as-Sarouts Brigade gegeben.

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Im Netz kursierte dieses Bild, was as-Sarout mit der IS-Flagge zeigt. Allerdings ist nicht klar, ob dies gefälscht wurde.

Sollten diese Vorwürfe stimmen, dann hat sich as-Sarout von einem patriotischen Freiheitsaktivisten und dem Idol der syrischen Revolution zu einem radikalen IS-Dschihadisten entwickelt. Er ist damit ein drastisches Beispiel für die Radikalisierung der Basis in Syrien, die mit jedem Kriegstag, den brutalen Erfahrungen und dem Ausgeliefertsein schlimmer wird. Auch wenn es die demokratische Zivil-Opposition nach wie vor gibt, so ist dies doch ein Teil der traurigen Realität in dem einst so wunderschönen Syrien. Was damit explizit nicht gesagt werden soll ist, dass es sich auf die gesamte demokratische Zivilopposition übertragen lässt. Diese gibt es, wie bereits erwähnt, nach wie vor. Aber die Stufen der Radikalisierung sind bei vielen sehr ähnlich: Demonstrationen für Demokratie und Freiheit, Hoffnung auf Hilfe, Erfahrungen von Brutalität, Enttäuschung der Hoffnung auf Hilfe, Hinwendung zu radikalen Ideologen.

Update: Neue Interviews legen nahe, dass Abdel Basit as-Sarout NICHT zum IS gehört. Im neuesten Interview zeigt er sich vor einer Revolutionsflagge, was den Prinzipien des IS und auch von al-Qaida deutlich widerspricht. Sarout äußerte sich in einem Interview ausführlich zu dieser Thematik.
Am 30. April 2016 führte er eine Demonstration in Istanbul gegen die neuen Bombardierungen von Aleppo an. Auf der Demonstration waren weder schwarze Flaggen von Nusra noch vom IS zu sehen, sondern wieder ausschließlich Flaggen der Opposition. Abdel Basit as-Sarout gehört also nicht zum IS.

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11 Kommentare

  1. Sehr interessanter Beitrag. Ich bin jetzt leider in diesem Thema nicht ganz so sehr bewandert wie du es zu sein scheint, aber zeigt es mir deutlich, wie einseitig und zwanghaft religionsbezogen wir den Konflikt sehen. Finde es nur schade, dass Millionen seit dem arab. Frühling aus ihrem Vorhaben und Leben gerissen wurden. Ansonsten ein echt toller Beitrag! Habe wohl noch nie einen so langen Beitrag auf WordPress zuvor gelesen

  2. Ein spannendes und erschütterndes Beispiel, wie der Nahostkonflikt aus anfangs ideologisch unbedenklichen, gar modern und freiheitsorientierten Menschen mit Sinn für Toleranz, durch Verlust und Schicksal radikale, extremistische Kämpfer hervorbringt. Spannend zu lesen! Und danke für den Link zur Arte Dokumentation.
    Liebst,
    Cate

  3. Hätten wir uns nicht auch radikalisiert? Ich persönlich glaube aber nicht, dass er nun ein Islamist ist. Vielleicht hat er Anfang 2014 mit der IS sympathisiert, aber bin ich der Überzeugung, dass er nur den Gedanken hatte, die Schläger und Mörder von Assad zu vernichten. Ein mutiger Mensch, der von der Welt im Stich gelassen worden ist!

    1. In der Tat habe ich inzwischen auch Informationen erhalten, dass er sich vom IS abgewandt hat. Er hat zudem erneut ein Video mit seinem Lied „Jannah“ gepostet. Genauere Informationen im seinen derzeitigen Verbleib zu bekommen gestaltet sich äußerst schwierig!

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