Was man über den Syrien-Konflikt wissen sollte

protest idlib

Syrien ist aus der Berichterstattung nicht mehr wegzudenken. Ständig sieht man Bilder leidender Zivilisten, zerstörter Städte und vom Kampf der Rebellen der Freien Syrischen Armee gegen einen grausamen Diktator. Für Unkundige erscheint dieser Konflikt besonders kompliziert. Wie konnte es dazu kommen, dass die Gewalt derart eskaliert? Schließlich begann die Revolution mit Demonstrationen für mehr Freiheit und nicht mit einer bewaffneten Rebellion. Wer kämpft eigentlich gegen wen? Was für eine Rolle spielen al-Qaida oder die Hisbollah? Folgender Artikel soll die wichtigsten Fragen so einfach wie möglich und umfassend wie nötig beantworten und ist an ein Publikum gerichtet, dass sich nicht ständig mit dieser Thematik auseinandersetzt.

Inhalt

1. Wie alles begann

2. Proteste für ein demokratisches Syrien und den Sturz des Regimes

3. Die Gründung der Freien Syrischen Armee

4. Zwischenfrage: Warum spielt die Religion bei dem Konflikt eine so große Rolle?

5. Zwischenfrage: Wer kämpft gegen wen?

6. Erstes Auftreten sunnitischer Islamisten

7. Menschrechtsverletzungen und Übergriffe auf die Zivilbevölkerung

8. Warum konnten die sunnitischen Islamisten so stark werden?

9. Der Sturm der Freien Syrischen Armee auf Aleppo: Mit dem Islam gegen Assad

10. Al-Qaida in Syrien: Die Kämpfer von Jabhat an-Nusrah

11. Andere große sunnitisch-islamistische Verbände

12. Interessen der Staaten Iran, USA, Russland und Israel

13. Sunniten gegen Schiiten: Der Eintritt von Hisbollah und schiitischen Milizen in den Krieg

1. Wie alles begann

Die Selbstverbrennung von Muhammad Buazizi in Tunesien löste den Arabischen Frühling aus. Überall in der arabischen Welt fingen die Menschen an für mehr Freiheit, Gerechtigkeit und bessere Lebensbedingungen zu demonstrieren. Auch in Syrien begannen Bürger zu protestieren. Als Jugendliche aus der südsyrischen Stadt Daraa begannen, Parolen des Arabischen Frühlings an Wände zu sprühen, gingen Milizen von Baschar al-Assad brutal vor. 15 Kinder der Familie al-Abazeed wurden deswegen festgenommen. Das älteste Kind war 15 Jahre alt, das jüngste neun. Daraufhin gingen Tausende auf die Straße, forderten die Freilassung der Kinder und ein Ende von Korruption und Willkür. Gleichzeitig bestand man auf politischen Reformen – innerhalb des Systems. Am 29. April 2011 wurde der 13-jährige Hamza al-Khatib auf einer Demonstration in Daraa festgenommen.

Einige Tage später bekamen die Eltern ihren Sohn zu sehen. Er war zu Tode gefoltert worden. Seinen Körper hatte man mit glühenden Zigaretten und Elektroschocks entstellt. Einige Knochen waren zerschmettert und sein Penis abgeschnitten worden. Die Bilder seiner Leiche führten zu massiven Protesten gegen die Brutalität der Sicherheitskräfte.[1] Viele Syrer forderten von Assad ein hartes Vorgehen. Doch dieser bezeichnete die Demonstrationen als ausländische Verschwörung und die Opposition als Terroristen, die al-Qaida nahe stünden.[2] Ab diesem Punkt wandelten sich die Demonstrationen zu Massenkundgebungen, bei denen der Sturz des Präsidenten Baschar al-Assad gefordert wurde. Mit Hilfe von sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter konnte eine große Anzahl an Menschen mobilisiert werden. Die Facebookseite Wir alle sind Hamza al-Khatib konnte binnen kürzester Zeit über 100.000 Mitglieder aufweisen.[3]

2. Proteste für ein demokratisches Syrien und den Sturz des Regimes

Die Behauptungen von Baschar al-Assad, es handele sich nur um eine Hand voll ausländisch gesteuerte Agenten, die gegen das Regime rebelliere,  wurden dadurch widerlegt, dass unzählige Aktivisten auf Youtube-Kanälen Videos von den Großdemonstrationen veröffentlichten. Eine der Hauptparolen war „Das Volk will den Sturz des Regimes“ (arab. ash-shaab yurid isqat an-nizam). [4] Während das Regime weiterhin davon sprach, sunnitische Extremisten wollten die Schiiten und Alawiten (religiöse Gruppe, der Baschar al-Assad angehört) vertreiben oder töten, demonstrierten Syrer aller Konfessionen und Schichten gegen das Regime. Man forderte Freiheit und die Einführung der Demokratie. Fahnen von Islamisten konnte man nur äußerst selten erblicken.

Der aus Homs stammende Torwart der syrischen Fußball-Nationalmannschaft, Abd al-Basit Sarut, wurde zum Gesicht der Revolution.[5] Er nahm Revolutionslieder, wie zum Beispiel „Jannah Jannah“ (arab. Paradies, Paradies) auf, was zu einer Art Hymne der Revolution avancierte. Zu ihm gesellte sich die Schauspielerin und Alawitin Fadwa Suleiman.[6] Den Sänger Ibrahim al-Qashoush aus Hama taufte man „Nachtigall der Revolution“. Mit dem Revolutions-Song „Yallah irhal ya Baschar“ (Los, hau ab oh Baschar) zog er den Zorn des Regimes auf sich.[7] Am 4. Juli 2011 fand man al-Qashoush mit durchgeschnittener Kehle in einem Fluss.[8] Polizeikräfte, die sogenannten Schabiha -Milizen (arab. für Geister) und die syrische Armee gingen brutal gegen die Proteste vor. Hunderte wurden erschossen und verletzt. Verschleppte ließ man zusammenschlagen und foltern.[9]

Die Organisatoren der Demonstrationen nutzten, wie in den anderen arabischen Staaten, vermehrt die sozialen Netzwerke, um ihre Botschaft auch über die Grenzen Syriens hinaus zu tragen. Über das Internet gab es Live-Schaltungen des Fernsehsenders al-Jazeera zu Demonstrationen. Bei Twitter und Facebook konnten tausende Bilder veröffentlicht werden. Die Zensur des Regimes war weitgehend machtlos.[10]

3. Die Gründung der Freien Syrischen Armee

Eine Vielzahl von Soldaten wurde nach eigenen Berichten dazu gezwungen, auf friedliche Demonstranten zu schießen. Von Anhängern des Regimes  wird dies als ausländische Propaganda bezeichnet. Hierbei sollte man darauf hinweisen, dass bereits Baschar al-Assads Vater, Hafiz al-Assad, im Jahr 1982 die Stadt Hama nach einer Rebellion in Schutt und Asche legen ließ und dabei bis zu 30.000 Menschen getötet wurden.[11] Die Brutalität des Regimes hat eine lange Tradition.

Offiziere, die sich dem Vorgehen der regimetreuen Kräfte entgegenstellen wollten, riefen zunächst die Bewegung Freier Offiziere ins Leben. Wenig später gründeten sieben Offiziere, unter Leitung vom Oberst der Luftwaffe Riad al-Asaad, die Freie Syrische Armee (arab. al-Dschaisch as-Suri al-Hurr). Ihnen schlossen sich hunderte Deserteure an.[12] Sie wollten Demonstrationen von Regimegegnern gegen die Milizen von Assad schützen. Sicherheitskräfte, die Demonstranten attackierten, wolle man nun selbst beschießen. Das Regime ließ die Familienmitglieder vieler Angehöriger der Freien Syrischen Armee, so auch von Riad al-Asaad, in ihren Häusern ermorden.[13]

Unterdessen steigerte das Regime seine Brutalität. Stadtviertel, in denen die Opposition die Kontrolle übernommen hatten, wurden bombardiert. Hunderte Menschen wurden getötet und Tausende verletzt. Das unmenschliche Vorgehen veranlasste die syrischen Oppositionellen um ein Eingreifen des Westens zu bitten. Man hoffte auf eine ähnliche Entwicklung wie in Libyen. Doch kamen die europäischen Staaten und die USA den Wünschen nicht nach. Sie waren unentschlossen, wie man auf die Geschehnisse im Nahen Osten reagieren sollte. Als Folge davon fühlten sich erstmals viele Syrer vom Westen im Stich gelassen. Schließlich wollte man nur ein freies Leben wie in den westlichen Staaten führen. Eine erste Radikalisierung trat ein.

4. Zwischenfrage: Warum spielt die Religion bei dem Konflikt eine so große Rolle?

Präsident Baschar al-Assad gehört zu der Glaubensgemeinschaft der Alawiten. Dies ist eine Abspaltung des schiitischen Islams. Die Alawiten leben vor allem in den Bergen am Mittelmeer. Um sich politisch abzusichern hat das Regime von Assad wichtigste Positionen in Militär und Wirtschaft mit Familienmitgliedern und Alawiten besetzt. Das Problem hierbei ist, dass die Alawiten gerade einmal 12 Prozent der Bevölkerung ausmachen, während die sunnitischen Muslime etwa 71 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, jedoch systematisch benachteiligt werden. Deshalb ist die Freie Syrische Armee auch weitgehend sunnitisch geprägt. Dazu kommt, dass die Alawiten vielen als Häretiker gelten. Bei den Alawiten gilt Baschar al-Assad als Schutzgarant vor der sunnitischen Mehrheit. Hier liegt die Grundlage für einen Glaubenskrieg in Syrien.

Etwa acht Prozent der Bevölkerung sind Christen. Sie sind in Sachen Proteste und Freie Syrische Armee gespalten. Viele sehen in Assad einen Garant für Gleichberechtigung, Schutz und Glaubensfreiheit. Jedoch gibt es auch christliche Rebelleneinheiten in der Freien Syrischen Armee.

Nicht anders ist es bei den Drusen und den schiitischen Muslimen. Ungefähr vier Prozent der Bevölkerung sind Drusen und zwei Prozent sind Schiiten. Der schiitische Gottesstaat Iran gilt als Schutzmacht der Schiiten in der Region und der Iran gehört daher zu den Hauptverbündeten von Assad. Gemeinsam mit der schiitisch-islamistischen Hisbollah bilden sie die „Schiitische Achse“.[14]

Von radikalen Sunniten, wie etwa den Salafisten, werden alle Schiiten als Abtrünnige und Ungläubige angesehen. Das Regime von Assad ist somit ein Regime von Ungläubigen und muss nach ihrem Verständnis durch ein rechtgläubiges System ersetzt werden.[15]

Die Kurden versuchen sich in ihren Gebieten weitgehend selbst zu verwalten. Auch sie sind gespalten, was die Unterstützung oder Bekämpfung der Rebellion angeht.

5. Wer kämpft gegen wen?

Zum Verständnis der folgenden Punkte in diesem Artikel eine grobe Auflistung der Kriegsparteien:

Für Assad Gegen Assad
Syrische Armee

Schabiha-Milizen (vor allem Alawiten)

Schiitische Milizen

-z.B. al-Fadl al-Abbas-Brigade, irakische Milizen (der Mahdi-Armee nahe stehend)

Schiitische Hisbollah

Iranische Revolutionsgarden

ferner:

Palästinensische, christliche, kurdische und andere Minderheits-Milizen

Freie Syrische Armee

-z.B. al-Farouq-Brigaden, Einheitsbrigade

Sunnitische Milizen

al-Qaida

– Sitzungsrat der Kämpfer des Heiligen Krieges, Unterstützungsfront für die Bevölkerung Syriens(arab. Jabhat an-Nusrah)

Salafisten

– z.B. Bewegung der Freien Männer von Groß-Syrien, Brigaden des Islam

ferner:

Palästinensische, christliche, kurdische und andere Minderheits-Milizen. Vereinzelt sogar alawitische Kämpfer.

6. Erstes Auftreten sunnitischer Islamisten

Mit der Gewissheit im Hintergrund, dass der Westen die Syrer ihrem eigenen Schicksal überlassen würde, versuchten sunnitisch-islamistische Kreise Fuß zu fassen. Zunächst traten innerhalb der Freien Syrischen Armee islamisch geprägte Verbände auf. Zu ihnen zählen zum Beispiel die al-Farouq-Brigaden (arab. Kata’ib al-Farouq) aus Homs, benannt nach dem zweiten Kalif Omar ibn al-Khattab al-Farouq. Zwar forderten die Kämpfer nicht die Schaffung eines islamischen Staates, doch ihr Aussehen war durch Bärte und schwarze Jihad-Kopfbänder gekennzeichnet. Analysten werten dies aber auch als Reaktion darauf, dass reiche Araber aus den Golfstaaten, mit islamistischem Hintergrund, zu den finanziellen Unterstützern zählen. Die Farouq-Brigaden gehören zu den größten Rebellenverbänden. Kata’ib al-Farouq umfasst mehrere Tausend Kämpfer.

Außerdem traten auch salafistische Jihadisten außerhalb der Freien Syrischen Armee auf. Die größte Gruppe trug den Namen Brigaden der Freien Männer von Groß-Syrien (arab. Kata’ib Ahrar asch-Scham). Zunächst verübten die Einheiten dieser salafistischen Gruppierung fast ausschließlich koordinierte Sprengstoffanschläge auf Fahrzeuge der regimetreuen Schabiha-Milizen und auf Checkpoints der syrischen Armee. Ihre Militäraktionen stellten die Kata’ib Ahrar asch-Scham ins Internet, oft mit Jihad-Musik im Hintergrund.

7. Menschenrechtsverletzungen und Übergriffe auf die Zivilbevölkerung

Obwohl bis zum Ende des Jahres 2011 eine markante Radikalisierung in der Oppositionsbewegung zu erkennen war, blieben die Demonstrationen sehr wenig islamistisch geprägt. Auch die Freie Syrische Armee kämpfte explizit für ein demokratisches Syrien und die Errichtung eines zivilen Staates.

Die heftigen Bombardierungen ganzer Stadtviertel führten zu einer enormen Anzahl an Deserteuren, die sich der Freien Syrischen Armee  anschlossen.  Im Februar 2012 kam es im Viertel Baba Amr in der syrischen Stadt Homs zu einer blutigen Schlacht zwischen den al-Farouq-Brigaden und der Syrischen Arabischen Armee von Baschar al-Assad. Nach erbitterten und verlustreichen Kämpfen, mussten sich die Rebellen aus dem Viertel zurückziehen. Der britische Journalist Paul Conroy verglich die Bombardierungen mit der Schlacht um Grozny. Wie die kaukasische Stadt war nun der Homser Stadtteil Baba Amr weitgehend zerstört, hunderte Kämpfer der Freien Syrischen Armee tot.

In einem weiteren Homser Stadtteil, in Karmu z-Zeitoun, wurden  Frauen und Kinder brutal ermordet . Syrische Aktivisten berichteten, dass assadtreue Schabiha-Milizen hinter dem Verbrechen steckten.[16] Das Viertel wurde zudem massiv mit Artillerie beschossen.[17]

Auch in der Stadt al-Houla kam es zur Tötung von Zivilisten. Beide Seiten schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Die Vereinten Nationen machten regimetreue Schabiha-Milizen dafür verantwortlich. Daneben werden auch der Rebellenseite massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. So sollen Rebellen gefangene Soldaten gefoltert und hingerichtet haben.[18] Für Entsetzen sorgte ein Video der al-Farouq-Brigaden, wo der Kommandeur Abu Sakar das Herz eines getöteten Soldaten isst.[19]

Bald zeigte sich, dass ohne Hilfe aus dem Ausland die militärische Übermacht der hochgerüsteten Armee von Baschar al-Assad nicht bezwungen werden konnte. Die Freie Syrische Armee wollte nach wie vor amerikanische und europäische Hilfe für den Kampf gegen Assad. Doch reagierte man nicht auf Anfragen der Freien Syrischen Armee oder lehnte diese ab. Man wies die USA darauf hin, dass den Rebellen nichts anderes übrig bleibe, als ausländische Kämpfer ins Land zu holen.

8. Warum konnten die sunnitischen Islamisten so stark werden?

Mit der Zeit konnte man auf den Demonstrationen gegen das Regime von Baschar al-Assad immer mehr schwarze Fahnen mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis sehen. Diese Fahnen verwenden vor allem Salafisten und die Partei der Befreiung (arab. Hizbu t-Tahrir). Jene Partei strebt die Errichtung eines Kalifats an.[20] Hatte man anfangs noch voller Hoffnung auf die europäischen Staaten geblickt, die der Revolutionsbewegung in Libyen zum Sieg über den brutalen Diktator Muammar al-Gaddafi  geholfen hatten, so wich diese zunehmend einer Verbitterung über die Tatenlosigkeit der westlichen Mächte. Mit der Zeit setzte sich die Gewissheit durch, dass die Welt die Menschen in Syrien im Stich gelassen hatte. Das Prahlen der europäischen und nordamerikanischen Staaten, man stehe für Freiheit und Demokratie in der Welt, entpuppte sich als bloßes Lippenbekenntnis. Die Menschen hatten das Gefühl, dass die westlichen Regierungen nur an den Rohstoffen in der Region interessiert waren. Immer mehr Rebellen gaben sich fortan betont muslimisch, was man auch an den Namen der neueren Rebelleneinheiten erkennen konnte. Zu ihnen gehören beispielsweise die Löwen Gottes (arab. Usud Ullah) oder die Brigaden des Islam (arab. Alwiyyatu l-Islam).

Das Erstarken des Islamismus innerhalb der Rebellen ist zu einem großen eine direkte Folge der Tatenlosigkeit des Westens. Während es keine größere westliche Hilfsorganisation in Syrien gibt, sorgen vor allem die Salafisten für eine Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln.[21]

9. Der Sturm der Freien Syrischen Armee auf Aleppo: Mit dem Islam gegen Assad

Ende Juli erklärten Rebelleneinheiten aus dem Umland von Aleppo ihren Zusammenschluss zur Einheitsbrigade (arab. Liwa’u t-Tawhid). In einer Videoerklärung schworen sich Tausende Kämpfer mit wehenden weißen Bannern und der Aufschrift „Allahu Akbar“ (arab. für „Gott ist größer“ oder „Gott ist am Größten“) auf den bevorstehenden Kampf ein.[22] Aleppo war bis dahin von heftigen Kämpfen verschont geblieben. Doch als Wirtschaftsmetropole und Motor des Landes war Aleppo für beide Seiten unverzichtbar. Ein Sieg in Aleppo wäre ein Sieg in Syrien, so glaubten alle Beteiligten. Sowohl die Rebellen, als auch Assad bezeichneten die Schlacht um Aleppo als „Mutter aller Schlachten“.

Kämpfer der Einheitsbrigade vor Aleppo, Foto: Fabian Schmidmeier

„Allahu Akbar“ steht auf den Bannern von Kämpfern der Einheitsbrigade. Sie fahren gerade nach Aleppo, um die Stadt zu erobern.

Die Einheitsbrigade positionierte sich von Beginn an als islamische Befreiungsfront für Syrien. Trotzdem wies man darauf hin, dass das Ziel die Errichtung eines zivilen Staates sei, und keine religiöse Minderheit Repressalien zu befürchten hätte. Gegenüber der New York Times meinte der oberste Befehlshaber der Einheitsbrigade, Hajji Marea, „wir sind religiös, wir sind Muslime. Aber wir sind keine Extremisten“. Auch die Einheitsbrigade hatte jetzt noch Hoffnung, dass die US-Führung ihre Strategie im Bezug auf Syrien ändern würde. Stattdessen sprach Barack Obama vom Einsatz von Chemiewaffen als „rote Linie“. Vorher würde man nicht einschreiten. Hajji Marea wertete dies als heimliche Zustimmung Amerikas zu Assads Vorgehen: „Amerika hat dem syrischen Volk in keinster Weise geholfen. Amerika bleibt still. Wir als Araber sehen das so, wenn du still bleibst, dann ist das, was passiert, für dich in Ordnung.“ Die Führung der Freien Syrischen Armee in Aleppo warnte, „die ganze Welt hat uns im Stich gelassen. Sollte die Revolution noch ein Jahr dauern, dann denkt das ganze syrische Volk wie al-Qaida“.[23]

10. Al-Qaida in Syrien: Die Kämpfer von  Jabhat an-Nusrah

Seit dem Februar 2012 trat ein neuer Akteur im syrischen Bürgerkrieg auf den Plan. Die Gespenster, die Assad zu Beginn der Demonstrationen gesehen hatte, wurden nun Wirklichkeit. Der Chef der salafistischen al-Qaida, Ayman az-Zawahiri, rief Muslime in aller Welt dazu auf, im Jihad gegen Baschar al-Assad zu kämpfen.[24] Von da an begannen Kämpfer aus dem Irak ins benachbarte Syrien zu strömen. Zunächst machte die al-Qaida-Gruppe Sitzungsrat der Kämpfer des Heiligen Krieges (arab. Madschlis Schura al-Mudschahedin) auf sich aufmerksam, als sie am 20. Juli 2012 den Grenzübergang Bab al-Hawa zur Türkei einnahm.[25]

Doch mit dem Beginn des Sturmes auf Aleppo betrat eine besonders schlagkräftige Truppe den Kriegsschauplatz: die Unterstützungsfront für die Bevölkerung  von Syrien (arab. al-Dschabhatu n-Nusratu li-Ahli sch-Scham), die man in den Medien meistens als Nusrah-Front oder Jabhat an-Nusrah bezeichnet. An ihrem Namen erkennt man bereits, dass diese Organisation die Aufgabe erfüllen wollte, die der Westen nicht bereit war zu übernehmen:[26] die Unterstützung der Rebellion gegen Assad. In der Zwischenzeit wurde Jabhat an-Nusra zu einer Art Eliteeinheit der Freien Syrischen Armee, ohne jedoch zu ihrer Organisationsstruktur zu gehören. Als die USA die Organisation als terroristische Vereinigung einstufen ließen, entlud sich der Zorn eines großen Teils  der syrischen Bevölkerung in Demonstrationen gegen die USA.[27]

Man sah es als Affront, dass man selbst nicht bereit war zu helfen, aber diejenigen die diese Aufgabe übernehmen, als Terroristen bezeichnet. Aufstandsbewegung und Zivilbevölkerung radikalisierten sich zunehmend. Sollten die USA jetzt noch verspätet eingreifen wollen, würden sich wahrscheinlich große Teile der Kämpfer gegen die USA wenden und eine Unterstützung nicht mehr akzeptieren.

Da al-Qaida in anderen arabischen Staaten direkt Jagd auf Menschen macht, die sie als „Ungläubige“ bezeichnen, ist die Furcht vor religiös motivierten Massakern an Schiiten, Alawiten, Christen, Drusen und säkularen Syrern mehr als gerechtfertigt. Viele stehen daher aus pragmatischen Gründen hinter dem Regime von Assad und weniger deshalb, weil sie seine Ideologie teilen.

11. Andere große sunnitisch-islamistische Verbände

Innerhalb der Freien Syrischen Armee schlossen sich die al-Farouq-Brigaden mit anderen Rebelleneinheiten zur Syrischen Islamischen Befreiungsfront (arab. Dschabhat Tahrir Suriya al-Islamiyya) zusammen.[28]

Außerhalb der Freien Syrischen Armee benannten sich die salafistischen Brigaden der Freien Männer von Groß-Syrien (arab. Kata’ib Ahrar asch-Scham) zur Islamischen Bewegung der Freien Männer von Groß-Syrien (arab. Harakat Ahrar asch-Scham al-Islamiyya) um und traten der Syrischen Islamischen Front (al-Dschabhat al-Islamiyya as-Suriyya) bei.[29] In der Umgebung von Aleppo und Idlib gibt es eine sehr starke Koordination mit Jabhat an-Nusrah.

Im Süden des Landes, besonders in der Umgebung von Damaskus, agieren die Brigaden des Islam (arab. Alwiyyatu l-Islam).[30]

Jabhat an-Nusrah und die salafistischen Verbände kämpfen in erster Linie gegen Assad, weil dieser ein Regime von „Ungläubigen“ führt. Baschar al-Assad gehört zur Minderheit der Alawiten, die von den Salafisten erbittert bekämpft werden, da sie als Abtrünnige vom Islam nach deren Ansicht getötet werden müssten.

12. Die Interessen der Staaten Iran, USA, Russland und Israel

Der Iran hatte mit den Regierungen des Irak und von Syrien ein Großprojekt geplant. Eine Pipeline sollte von iranischen Ölfeldern bis in die syrische Mittelmeerstadt Tartus verlaufen. Syrien ist seit dem Boykott durch die USA und die EU für den Iran von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Eine sunnitische Regierung würde diese wirtschaftlichen Beziehungen schwer beeinträchtigen oder gar beenden. Daher setzt Teheran auf das Regime von Assad.[31]

Russland verfügt über einen Flottenstützpunkt in der Stadt Tartus. Sollte es in Syrien einen Regimewechsel geben, wäre dieser in Gefahr. Da es der einzige Stützpunkt im Mittelmeer ist, will Russland um keinen Preis darauf verzichten. Außerdem kämpfen tschetschenische Rebellen an der Seite salafistischer Rebellen gegen Baschar al-Assad.

Die USA unterstützen grundsätzlich die Freie Syrische Armee. Größere Waffenlieferungen oder ein direktes militärisches Eingreifen lehnen sie aber ab. Oberste Priorität für die USA hat die Sicherheit des Staates Israel. In Israel gibt es Befürchtungen, dass sunnitische Islamisten die Waffen gegen den jüdischen Staat richten könnten, sobald Assad fällt.[32]

13. Sunniten gegen Schiiten: Der Eintritt von Hisbollah und schiitischen Milizen in den Krieg

Schon seit Längerem werfen syrische Oppositionelle und Kämpfer der Freien Syrischen Armee der Hisbollah vor, in Syrien an der Seite von Assad zu kämpfen. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah verneinte dies jedoch und betonte, dass er ein Ende des Konfliktes durch Verhandlungen befürworte. Schon seit Längerem befinden sich Kämpfer der schiitischen Miliz in Damaskus. Hier befindet sich die schiitische Sayyida-Zainab-Moschee. Sayyida Zainab war die Enkeltochter des Propheten Muhammad und liegt dort begraben. Für schiitische Muslime ist der Schrein ein wichtiges Pilgerziel. Die Hisbollah soll den Schrein vor sunnitischen Milizen schützen.[33]

Die schiitische Seite blieb von der Radikalisierung nicht verschont. Auch hier gründeten sich, mit Hilfe des Iran, Milizen. Die größte von ihnen ist die Abu al-Fadl al-Abbas Brigade (arab. Liwa’u Abi l-Fadli l-Abbas).[34] Diese wurde ebenso mit Unterstützung irakischer Kämpfer der Mahdi Armee des schiitischen Predigers Muqtada as-Sadrs ins Leben gerufen. Im Großraum Damaskus kämpft sie gegen zum Teil radikal-sunnitisch geprägte Einheiten der Brigaden des Islam (arab. Alwiya’u l-Islam).

Während die sunnitischen Rebelleneinheiten „Allahu Akbar“ als ihren Schlachtruf benutzen, erkennt man schiitische Kämpfer an dem Ausruf „Ya Ali“. Ali ist für die Schiiten der einzig rechtmäßige Nachfolger von Muhammad, was für die Sunniten ein Affront ist.[35]

Dieses Plakat im libanesischen Baalbek zeigt Baschar al-Assad und den Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. Foto: Fabian Schmidmeier

Dieses Plakat im libanesischen Baalbek zeigt Baschar al-Assad und den Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. Foto: Fabian Schmidmeier

Seit dem 4. April 2013 bemüht sich die syrische Armee gemeinsam mit der Hisbollah um eine Rückeroberung der Stadt al-Qusayr. Die Hisbollah bezog hierbei strategisch wichtige Positionen. Seit dem 19. Mai 2013 setzt die syrische Armee mit der Hisbollah zum Sturm auf die Stadt an.[36] Das Regime erhofft sich hierbei das Freikämpfen eines Korridors, der die Hauptstadt Damaskus mit den Alawitenbergen an der Küste verbinden soll.

Mit der Offensive von Qusayr trat die Hisbollah auch offiziell in den Krieg ein. Die schiitischen Islamisten sind für Assads Truppen deshalb von so enormer Bedeutung, da diese Erfahrung über Guerillataktiken verfügen, die sie 2006 erfolgreich im Krieg gegen Israel eingesetzt hatten. Da die Freie Syrische Armee einen Guerillakrieg gegen das Regime kämpft, stellt die neue Strategie des Regimes, selbst einen Guerillakrieg mit Milizen zu führen, die Rebellen vor starke Herausforderungen.[37]

Derzeit werden in al-Qusayr heftigste Gefechte geführt. Weite Teile der Stadt liegen in Schutt und Asche und Aktivisten berichten, dass Hisbollah und Armee die Stadt mit Raketen und Mörsergranaten beschießen. Aus allen Teilen des Landes machen sich nun sunnitische Kämpfer auf, die schiitischen Milizen zu bekämpfen. Mit dem Eintritt der Hisbollah und der offiziellen Gründung schiitischer Milizen gibt Baschar al-Assad den Anspruch auf, ein säkulares Syrien zu führen. Damit gleitet die Revolution, die als Proteste gegen ein grausames und unterdrückerisches Regime begann, vollends in einen Glaubenskrieg zwischen Sunniten und Schiiten ab.

Unterdessen scheint sich der Konflikt auch auf den Libanon auszuweiten. In der Hafenstadt Tripoli kam es zu heftigen Gefechten zwischen sunnitischen und alawitischen Milizen. Über zwanzig Menschen sind dabei bereits getötet worden. Die Folgen aber könnten noch weitreichender sein. Die Welt befürchtet einen regionalen Flächenbrand in Form eines Krieges zwischen schiitischen und sunnitischen Mächten um die Vorherrschaft im Nahen Osten.

 

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Quellen:


[1] Vgl. Frefel, Astrin: „Wir sind alle Hamza al Khatib“, in: http://www.tagesspiegel.de/politik/wir-sind-alle-hamza-al-khatib/4250920.html, abgerufen am 25. Mai 2013.

[2] Vgl. dpa/AFP Meldung in: Syriens Präsident Assad beschimpft Demonstranten, in: http://www.t-online.de/nachrichten/specials/id_47322190/syriens-praesident-assad-beschimpft-demonstranten.html, abgerufen am 25. Mai 2013.

[3] Vgl. Frefel, Astrin: „Wir sind alle Hamza al Khatib“, in: http://www.tagesspiegel.de/politik/wir-sind-alle-hamza-al-khatib/4250920.html, abgerufen am 25. Mai 2013.

[4] Vgl. Aktivistenvideo: Hama Revolution 1 07 2011, in: http://www.youtube.com/watch?v=2SrVeAR9wNQ, abgerufen am 25. Mai 2013.

[5] Vgl. Zekri, Sonja: Die Angst des Präsidenten vor dem Torwart, in: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/Die-Angst-des-Praesidenten-vor-dem-Torwart/story/12864062?dossier_id=852, abgerufen am 25. Mai 2013.

[6] Vgl. Ebertz, Magdalena: Täuschungsversuch mit  kleinen Freiheiten. Syrische Schauspielerin Fadwa Suleiman, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/syrische-schauspielerin-fadwa-suleiman-taeuschungsversuch-mit-kleinen-freiheiten-11880172.html, abgerufen am 25. Mai 2013.

[7] Vgl. Aktivistenvideo mit Revolutionslied „Yallah Irhal Ya Baschar“ von Ibrahim al-Qashoush in: http://www.youtube.com/watch?v=HNauJ8P1fDY, abgerufen am 25. Mai 2013.

[8] Vgl. Aktivistenvideo: وثائقي عن الشهيد: إبراهيم قاشوش, in: http://www.youtube.com/watch?v=KRK8bkpcV4E, abgerufen am 25. Mai 2013.

[9] Vgl. Schweizer Radio und Fernsehen: „Shabiha-Milizen foltern und töten für das Assad-Regime“, in: http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2012/06/01/International/Shabiha-Milizen-foltern-und-toeten-fuer-das-Assad-Regime, abgerufen am 25. Mai 2013.

[10] Vgl. Arte-Dokumentation „Syrien Undercover. Im Herzen der Rebellion“, in: http://www.youtube.com/watch?v=_6vGbiAQeLI, abgerufen am 26. Mai 2013.

[11] Vgl. Helberg, Kristin: Die Toten von Hama, in: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1667789/, abgerufen am 25. Mai 2013.

[12] Vgl. Video zur Erklärung zur Gründung der Freien Syrischen Armee durch Riad al-Asaad, in: http://www.youtube.com/watch?v=Rk7Ze5jVCj4, abgerufen am 26. Mai 2013.

[13] Vgl. The Indipendent: Families of Syrian rebels killed in their homes, says UN, in: http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/families-of-syrian-rebels-killed-in-their-homes-says-un-7786147.html, abgerufen am 26. Mai 2013.

[14] Vgl. Karte zu Verbreitungsgebieten von religiösen und konfessionellen Gruppen in Syrien der Columbia University, in: https://derorient.files.wordpress.com/2013/05/7dc12-syrien-religionen_konfessionen.png, abgerufen am 26. Mai 2013.

[15] Vgl. Steinberg, Guido: Sunna gegen Schia. Der Arabische Frühling schafft neue Fronten im Konflikt zwischen den islamischen Konfessionen, in: http://www.monde-diplomatique.de/pm/2012/05/11.mondeText.artikel,a0037.idx,5, abgerufen am 26. Mai 2013.

[16] Vgl. Press Gazette: Paul Conroy describes his dramatic escape from Homs, in: http://www.pressgazette.co.uk/node/48889, abgerufen am 26. Mai 2013.

[17] Vgl. Aktivistenvideo von der Bombardierung von Karmu z-Zeitoun: in: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=EbRPSzAPkak, abgerufen am 26. Mai 2013.

[18] Vgl. Zeit Online: Bürgerkrieg: UN verdächtigen syrische Opposition der Kriegsverbrechen, in: http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-11/syrien-hinrichtung-soldaten, abgerufen am 26. Mai 2013.

[19] Vgl. Salloum, Raniah: Syrisches Horror-Video. Die Hölle auf Youtube, in: http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-rebell-isst-herz-eines-assad-soldats-a-899439.html, abgerufen am 26. Mai 2013.

[20] Vgl. Aktivistenvideo der Grünen Brigade in Baba Amr, in: http://www.youtube.com/watch?v=HV3RpZ14cDY, abgerufen am 26. Mai 2013.

[21] Vgl. Jörg Armbruster bei Anne Will, in: http://www.youtube.com/watch?v=552ER4TbOR0, abgerufen am 26. Mai 2013.

[22] Vgl. Aktivisten Video der Gründung der Einheitsbrigade, in: http://www.youtube.com/watch?v=jWvsutODm-0&feature=g-all-u, abgerufen am 26. Mai 2013.

[23] Vgl. New York Times – Videobeitrag: Leading the Rebel Fight. NYT Profile of Hajji Marea, in: http://www.youtube.com/watch?v=EvVbr3DZtrs&feature=youtu.be&t, abgerufen am 13. Mai 2013.

[24] Vgl. Burke, Jason: Al-Qaida leader Zawahiri urges Muslim support for Syrian uprising, in: http://www.guardian.co.uk/world/2012/feb/12/alqaida-zawahiri-support-syrian-uprising, abgerufen am 26. Mai 2013.

[25] Vgl. Aktivistenvideo der Einnahme des Grenzüberganges Bab al-Hawa durch al-Qaida-Kämpfer, in: http://www.youtube.com/watch?v=CheRwZB_K1Q, abgerufen am 26. Mai 2013.

[26] Vgl. Durm, Martin: Die Ignoranz des Westens – der Triumph der Islamisten, in: http://www.tagesschau.de/ausland/aleppo274.html, abgerufen am 26. Mai 2013.

[27] Vgl. MemriTvVideos: Syrian Demonstration supporting Jabhat Al-Nusra: “Obama, There is no Terrorism in Syria”, in: http://www.youtube.com/watch?v=e66aHk-YeUo, abgerufen am 26. Mai 2013.

[28] Vgl. Steinbach, Peter: Kampf gegen Assad. Wie Islamisten den syrischen Aufstand kapern, in: http://www.welt.de/politik/ausland/article114012435/Wie-Islamisten-den-syrischen-Aufstand-kapern.html, abgerufen am 13. Mai 2013.

[29] Vgl. Zelin Y. Aaron: The Syrian Islamic Front: A New Extremist Force, in: http://www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/view/the-syrian-islamic-front-a-new-extremist-force, abgerufen am 13. Mai 2013.

[30] Vgl. Youtube-Kanal der Brigaden des Islam, in: http://www.youtube.com/user/IslamBrigade, abgerufen am 26. Mai 2013.

[31] Vgl. eigene wissenschaftliche Arbeit, Fabian Schmidmeier: Revolutionäre Militärinstitutionen in der Islamischen Republik Iran. Entstehung – Entwicklung – Aktionsfelder, in: https://derorient.files.wordpress.com/2013/03/fabian-schmidmeier-revolutionc3a4re-militc3a4rinstitutionen-in-der-islamischen-republikt-iran-pdf.pdf, S. 15.

[32] Vgl. The Jerusalem Post: Report: Israel prefers Assad survive Syria conflict, in: http://www.jpost.com/Middle-East/Report-Israel-prefers-Assad-survive-Syria-conflict-313528, abgerufen am 26. Mai 2013.

[33] Vgl. Karouny, Miriam: Shi’ite fighters rally to defend Damascus Shrine, in: http://www.reuters.com/article/2013/03/03/us-syria-crisis-shiites-idUSBRE92202X20130303, abgerufen am 26. Mai 2013.

[34][34] Vgl. Russia Today: Syria: Shia fighters unite to defend holy shrine, in: https://www.youtube.com/watch?v=bF9a-TwygwI, abgerufen am 26. Mai 2013.

[35] Vgl. Propagandavideo der Abu al-Fadl al-Abbas-Brigade: LiveLeakcom – Abu l-Fadl brigade shia group fighting in Syria, in: http://www.youtube.com/watch?v=Hii1pfg93uU, abgerufen am 26. Mai 2013.

[36] Vgl. Video der Syrischen Arabischen Armee und der Hisbollah vom Angriff auf al-Qusayr, in: https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=s2-o5q618Sg, abgerufen am 26. Mai 2013.

[37] Vgl. Aktivistenvideo von Kämpfen zwischen schiitischen Milizen und der Freien Syrischen Armee/Nusrah-Front, in: https://www.youtube.com/watch?v=eSoDYErb0lI, abgerufen am 26. Mai 2013.

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5 Kommentare

  1. gute Zusammenfassung. Zwei Anmerkungen von mir: Ich würde ich nicht von einer Radikalisierung der Bevölkerung sprechen. Es ist schwierig in die Köpfe aller zu sehen. Ich glaube, dass es nachwievor viele gibt, die noch mehr Angst davor haben, was passiert, wenn Assad wirklich fallen sollte. Angesichts dieser vielen auch sehr radikalen Gruppen, die sich alle nicht einig sind!
    Du hast auch die großen Demonstrationen in 2011 angesprochen. Es gab zu dieser Zeit auch sehr große – teilweise noch viel größere – Demonstrationen, die Pro-Assad waren. Wieviel davon gekauft war ist schwer zu sagen, Fakt ist jedoch, dass die Bevölkerung zu dieser Zeit sehr gespalten war. Und auch heute hört man noch viele Gegensätzliche Stimmen.

  2. Der Artikel liest sich in weiten Teilen wie eine Propagandaaktion für die FSA. Es fehlt jegliche Kritik an den Einheiten der FSA, den unklaren Zielen dieser Gruppierung, der Führungsschwäche, den Ausmaßen der Kriegsverbrechen (z.B. Ermordung aller Kriegsgefangenen und Regierungsunterstützer, sog. Massakermarketing, fragwürdige Kriegstaktiken etc. pp.), es fehlt völlig ein Hinweis auf ausländische Unterstützung der Regierungsgegner, deren teilweise finanzielle Motivation wird verschwiegen, die Unterstützerstaaten wie Saudi Arabien, Katar, Türkei, aber auch Frankreich und Großbritannien, die Massen ausländischer Kämpfer auf der „Rebellenseite“ wird verschwiegen, über den Beginn der Auseinandersetzungen werden 1:1 die Rebellenangaben wiedergegeben und so fort.
    Was für ein Gesellschaftsmodell streben die Regierungsgegner mit Hilfe der Monarchien SA und Katar an? Welchen Teil der Bevölkerung vertreten sie? Warum lehnen sie Verhandlungen ab? Warum lügt der Verfasser bezüglich christlicher und alawitischer Rebellengruppierungen, denkt sich aber keine drusischen aus? Was ist mit den Turkmenen? Warum kämpfen Hamas gegen Assad und die mit ihnen verbündete Hisbollah, andere Palästinenser für die Regierung, nachdem es ihnen nicht gelungen ist, sich aus dem Konflikt herauszuhalten?
    Wieso wird hier der Eindruck erweckt, die „71 % Sunniten“ seien überwiegend gegen die Regierung, obwohl das Gegenteil der Fall ist, und die 71 % auch Kurden und Palästinenser umfassen, sowie sog. „säkulare“?
    Fragen über Fragen. Aber bekanntlich setzen sich Propagandisten nicht mit Fakten auseinander, sondern versuchen ihre Narrative zu verbreiten.

  3. Sehr geehrter Herr Fabian Schmidmeier,
    vielen Dank für Ihre ausführliche Stellungnahme, die einem neuen Artikel sehr nahekommt. Ich habe mir die Mühe gemacht, Ihren zahlreichen Gedankengängen jeweils eine Antwort zu widmen. Hier das, was mir spontan dazu einfiel:

    “ Sehr wohl gebe ich aber zu, dass ich als freiheitlich-demokratisch gesinnter Journalist hinter allen Demonstranten und Menschen stehe, die ein demokratisches System und den Sturz eines brutalen Diktators fordern und dabei Opfer von einem brutalen Vorgehen von Sicherheitskräften und Armee werden.“
    Nein. Sie stehen hinter den Narrativen der „Rebellen“ und führen damit Ihre Leser in die Irre. An keiner Stelle kann ich das Bestreben erkennen, die Propagandalinien zu hinterfragen.
    Wer fordert denn ein demokratisches System? Die Finanziers des bewaffneten Kampfes aus den religiösen Monarchien Saudi Arabien und Katar? Die demokratischen Gegner der syrischen Regierung sind unbewaffnet und wollen im Parlament sitzen. Das nennt man dann demokratisch. Sie rufen nicht Allah Akbar und ermorden Sicherheitskräfte.
    Wer Demokratie möchte, muss gegen die FSA und die Salafisten argumentieren. Das ist nicht gleichbedeutend mit der Unterstützung „eines Diktators“, sondern alternativ. Gottesstaaten sind nicht demokratisch.

    “ Hierbei möchte ich trotzdem darauf hinweisen, dass es am Anfang nur Demonstrationen gab und sich die FSA erst nach dem brutalen Vorgehen des Regimes gegründet hat. Ursache und Wirkung sollte man hier bedenken.“
    Ein typisches Rebellennarrativ, das durch die Realität nicht gedeckt wird. Bereits während der „friedlichen“ Demonstrationen kamen Sicherheitskräfte zu Tode. Die Forderungen waren von Anfang an sunnitisch-extremistisch (Assad sollte zurücktreten, weil er die falsche Religion hatte, nicht weil er ein „undemokratischer Diktator“ sei). Bewaffnete Gruppierungen bildeten sich in einer Geschwindigkeit, die jahrelange Vorbereitung erfordert. „Deserteure“ wurden gut bezahlt. Und, anders als die anderen „Diktatoren“, war Assad Junior als Reformer angetreten und hatte viele Reformen bereits eingeleitet. Zuvor wurde er lediglich gefragt, warum die Reformen so langsam vorankommen.

    “ Kritik an den Verbrechen der Regierungsgegner ist nicht nur gerechtfertigt sondern Menschenrechtsverletzungen müssen geahndet werden. Solche Verbrechen wurden dokumentiert und die Verbrecher müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden.“
    Hierzu kann ich nur sagen, dass das in zwei Jahren Konflikt nicht geschehen ist. Im Gegenteil, immer wieder werden Verbrechen von Rebellenseite der Regierung angelastet, jedenfalls in diversen Medien.

    “ Aber wo bleibt im Gegenzug Ihre Kritik an der Vorgehensweise der Regierung mit den Demonstranten zu Beginn und den heftigen Bombardierungen und der Involvierung radikal-schiitischer Milizen?“
    Was Ihre Vorwürfe betrifft, kommen diese immer von interessierter Seite, d.h. den Rebellen selbst, der Propagandainstitution in London, „embedded“ Journalisten oder solchen aus den Ländern mit guten Beziehungen zu den Rebellen („Freunde Syriens“). Die Regierung Syriens stellt das stets anders da.
    Was „Involvierung radikal-Schiitischer Milizen“ betrifft, spielen Sie wohl auf die Hisbollah an. Dazu darf man nicht verschweigen, dass die Hisbollah durch die Versorgung der Front Damaskus – Homs – Idlib mit Bewaffnung, Ausrüstung und ausländischen Kämpfern zwangsläufig in den Konflikt hineingezogen wurde. Außerdem wurde Hisbollah über Syrien vom Iran unterstützt, ist also am Ausgang des Konflikts interessiert. Die Angriffe auf die schiitischen Siedlungsgebiete seitens der Rebellen sowohl im Libanon als auch aus Syrien waren da wohl nur noch der zündende Funke. Hisbollah ist nicht radikal-schiitisch, sondern als überkonfessionelle Partei aufgebaut, hat sunnitische und christliche Mitglieder, die „Widerstand gegen Israel“ unterstützen. Aus dem gleichen Grund fühlen sich palästinensische Gruppen der syrischen Regierungsseite verbunden und ist die in den bewaffneten Kampf in Syrien auf Rebellenseite involvierte (radikal-sunnitische) Hamas tief gespalten.
    “ Zwei Erklärungen von christlichen Kämpfern“
    Solche Wortmeldungen sind durchweg Fälschungen. Es gibt keinen Beitrag solcher Gruppen oder Kämpfer auf Rebellenseite, sondern nur Propagandabeiträge in westlichen Ländern, nicht aber in moslemischen Ländern. Gäbe es solche Gruppierungen, würden sie ihre eigene Bevölkerungsgruppen schützen und damit zwangsläufig in Konflikt mit den Rebellen geraten, wie geschehen bei Palästinensern, Kurden und Drusen. Wenn ich von den Rebellen wegen meiner Religion verfolgt werde, habe ich zwangsläufig nicht den Wunsch, für sie zu kämpfen.

    Sie haben mehrere Fälle von Prominenten erwähnt, die sich an Protesten beteiligt haben, lassen aber unerwähnt, dass prominente Gegner der Gewalt von den Rebellen in abschreckender Weise ermordet wurden (Filmemacher, Journalisten, Rechtsanwälte, gemäßigte sunnitische Geistliche u.v.m.).

    Sie schrieben zur Rolle der Religion im Konflikt: „Das Problem hierbei ist, dass die Alawiten gerade einmal 12 Prozent der Bevölkerung ausmachen, während die sunnitischen Muslime etwa 71 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, jedoch systematisch benachteiligt werden. Deshalb ist die Freie Syrische Armee auch weitgehend sunnitisch geprägt.“
    Dazu muss man bemerken, dass auch die Syrische Arabische Armee weitgehend sunnitisch ist, hier aber alle Minderheiten ebenfalls vertreten sind. Die Sonderrolle der Alawiten hat historische Gründe. Die systematische Benachteiligung bestand in der Gleichberechtigung sowie der Verhinderung extremistischer sunnitischer Bestrebungen, die bereits einmal zum Bürgerkrieg geführt haben. Dessen 30 000 Tote kann man ebensowenig allein Assad Senior anlasten wie die derzeit angeblich 90 000 Toten Assad Junior zugeschrieben werden können.
    Alle Rebellengruppierungen, insbesondere auch die FSA, kämpfen für einen Scharia-Staat Saudischer Prägung. Es gibt, entgegen Ihrer Aussage, keine christlichen oder überkonfessionellen Rebellengruppen. Die Besonderheit der al-Nusra, der Salafisten und anderer Extremisten liegt in der Disziplinierung der Sunniten in den von ihnen beherrschten Gebieten. Auch eine der Ursachen für die vielen Flüchtlinge.

    “ Auf welche Erhebungen stützen sich Ihre Behauptungen, die Mehrheit der Menschen stünde hinter Assad? Gab es jemals in seinem System freie Wahlen, auf deren Ergebnisse sich eine solche Aussage stützen ließe?“
    Westliche Geheimdienste verbreiten derzeit solche Aussagen durch ihre Analysten. Ich würde die Angaben gern verifizieren, kann das aber nicht. Es gab aber 2012 eine Wahl, bei der Oppositionsparteien zugelassen waren. Es ist also eine Definitionsfrage, ob man dies als ausreichend demokratisch ansieht. Assad würde mit seinen Gegnern verhandeln, besteht aber darauf, dass alle Verhandlungsergebnisse durch das syrische Volk bestätigt werden müssen. Die Regierungsgegner hingegen wollen nicht verhandeln, bevor sie den Krieg nicht gewonnen haben. So etwas nennt man Indizien.

    “ Wenn Assad, wie seine Anhänger behaupten, ein so toller Herrscher ist, den die Syrer lieben und der nichts zu verbergen hat, wieso lässt er keine unabhängigen Journalisten ins Land, die unabhängig über die Geschehnisse berichten? Wieso stellt er sich keiner freien Wahl mit Gegenkandidaten und einer Vielzahl an unabhängigen Parteien?“

    Ob Assad ein toller Herrscher ist, sollte in Wahlen nachgewiesen werden. Diese gibt es in Syrien, wie oben erwähnt, und Assad bietet diese auch immer wieder an. Die Rebellen hingegen finden Wahlen unislamisch. Wenn das Volk Assad nicht liebt, warum fordert man dann, dass er in Wahlen nicht antreten darf?
    Die Aussage, in Syrien dürften keine unabhängigen Journalisten ins Land und dort berichten, ist eine offensichtliche Lüge. Sie wird von zahlreichen unabhängigen Journalisten widerlegt, die von dort berichten. Wer englisch kann, liest für die Beobachtung des Konflikts häufig lieber in der unabhängigen englischsprachigen Presse. Die deutsche Presse hat sich kollektiv entschieden darauf zu verzichten und stützt sich stark auf solche, die sich von Rebellen in organisierten Reisen den Konflikt erklären lassen. Wer nur deutsch versteht, sollte auf die Schweizer Presse zurückgreifen, z.B. NZZ.

    “ Ich denke es handelt sich hierbei um eine Grundsatzfrage, die man auch offen aussprechen sollte. Was für einen Staat und was für ein System will man?“
    Der Satz stimmt ausnahmsweise mal, aber die Wahlmöglichkeiten stellen die Frage auf den Kopf. Die Syrer haben nämlich nur die Wahl zwischen einem sich reformierenden parlamentarischen System, dassehemals halbsozialistisch ausgerichtet war und ein Einparteiensystem bereits abgeschafft hat UND einem von sunnitischen Extremisten der Bevölkerungsmehrheit (da nicht alle Sunniten Extremisten sind) aufgezwungenen an Saudi Arabien ausgerichteten System. Fragen Sie doch mal einen Sprecher der zahlreichen Rebellengruppen, für welche Form der Demokratie sie kämpfen.

    “ Wieso verschweigen Sie Abertausende, die während der Regimeherrschaft spurlos verschwunden sind, weil sie in irgendeiner Weise mit dem Regime in Konflikt gekommen sind?Fragen über Fragen.“
    Nun habe ich aber keine Doktorarbeit über den Konflikt geschrieben, die man auf Leerstellen abklopfen könnte, sondern Ihren Artikel kommentiert. Insofern verschweige ich gar nichts. Bekannt ist ja z.T. die Zusammenarbeit der westlichen Geheimdienste mit dem syrischen Regime auf diesem Gebiet im „war on terror“. Es stellt sich nur die Frage, ob daraus irgendeine Legitimität für Rebellen abzuleiten ist, die selbst Menschen ermorden, foltern, Köpfe abschneiden und innere Organe essen (letzteres ein Kommandeur der FSA, weiterhin aktiv, nicht vor Gericht).

    “ Die Menschen wollen Freiheit. Sie wollen in der heutigen Zeit frei und selbstbestimmt leben, ohne Bevormundung und Repression. Diese Forderungen unterstütze ich, sonst nichts.“
    Aus dieser Motivation heraus müssten Sie aber eigentlich die syrische Regierung unterstützen, mit der Maßgabe einer weiteren Demokratisierung. Die Forderung nach einem sunnitischen Gottesstaat stellt das Gegenteil des von Ihnen geforderten dar.
    Mit kollegialen Grüßen,
    „Nobilitatis“

  4. Hat dies auf Fabian Schmidmeier rebloggt und kommentierte:

    Was geschah im Vorfeld des Aufstiegs von al-Qaida und dem IS in Syrien? Wie konnte sich die Revolte, die mit Demonstrationen begann, zu einem blutigen Bürgerkrieg aufschaukeln. In meinem Artikel vom Mai 2013 schilderte ich wesentliche Ereignisse, die meiner Meinung nach zum Verständnis der Entwicklungen von immenser Bedeutung sind.

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