Interview: Gibt es Pressefreiheit im Arabischen Frühling?

Folgendes Interview mit dem renommierten Journalisten Dr. Matt J. Duffy führte mein Kollege Marcus Schoft und wurde zuerst auf http://www.marcus-schoft.de veröffentlicht

Matt Duffy, IPI World Congress, Amman

Durch die neuen Medien wie Twitter, Facebook und YouTube lernen arabische Studenten, was Pressefreiheit bedeutet. “Und sie lieben es”, versichert Dr. Matt J. Duffy. Einige Jahre hat der Privatdozent der Universität Georgia in Abu Dhabi Journalismus gelehrt, wurde dann aber des Landes verwiesen. Beim Internationalen Journalistentreffen (IPI World Congress) in Amman diskutierte er mit der ägyptischen Journalistin Abeer Saady und ihrem arabisch-amerikanischen Kollegen Ahmed Shihab-Eldin über die Rolle von Medien und Pressefreiheit im Arabischen Frühling. Eines der größten Probleme des arabischen Journalismus sieht Duffy dabei in der Ausbildung junger arabischer Journalisten. In einem Interview am Rande der Konferenz spricht er über die arabische Journalistenausbildung und das arabische Erwachen. Denn von Frühling will er noch nicht reden.

Mehr als 300 Journalisten – darunter viele arabische – kamen zu der Konferenz nach Amman und haben sich in den vergangenen Tagen ausgetauscht. Was haben sie von ihren arabischen Kollegen über den arabischen Frühling gelernt? 

Ich würde nicht von einem arabischen Frühling sprechen. Wir sollten lieber den Begriff verwenden, den auch die arabischen Journalisten benutzen: Das arabische Erwachen. Denn der Prozess ist noch nicht vorbei. Er geschieht gerade im Moment und er wird seine Zeit brauchen, wenn wir zum Beispiel nach Ägypten schauen. Ich bin da immer noch optimistisch. Die Dinge die dort gerade passieren sind Dinge, die durchgestanden werden müssen. Auch die USA haben das durchgestanden. Und auch Deutschland. Was nötig ist, ist eine öffentliche Diskussion in der Gesellschaft. Und zwar über das, was toleriert wird, und was nicht.

IPI Congress, International Press Institut, Amman

Für eine öffentliche Diskussion ist ein funktionierendes Mediensystem und Pressefreiheit nötig. Doch seit dem Beginn der Revolution häufen sich die Berichte über mangelnde Presse- und Meinungsfreiheit. Journalisten werden verfolgt, verhaftet und an ihrer Arbeit gehindert. Für viele sieht es so aus, als sei alles nur noch schlimmer geworden.

Nein nicht alles ist schlimmer geworden. Zum Beispiel im Yemen: Ich habe während der Konferenz mit einem Journalisten aus dem Yemen gesprochen und er hat mir von Pressefreiheit in seinem Land erzählt. Weil es im Yemen sehr chaotisch ist, gibt es anscheinen ein bisschen Pressefreiheit. Alle sind besorgt über Explosionen und wer als nächstes gefangen genommen wird, aber die Medien arbeiten dabei unter relativer Straflosigkeit. Und das ist eine gute Sache.

Für ein gutes Mediensystem braucht es vor allem Journalisten. Gibt es überhaupt so etwas wie Journalistenausbildung in den Golfstaaten? 

Natürlich. Es gibt hunderte Ausbildungsprogramme für Journalisten, zum Beispiel in den Vereinten Arabischen Emiraten oder Saudiarabien. Aber die Frage ist: Was wird da gelehrt? Wird dort gelehrt, wie man eine Kamera hält? Oder wird da gelehrt, wie Fotos von den Herrschern gemacht werden, so dass diese möglichst prächtig aussehen? Die Antwort ist: Sie lehren nicht die international anerkannten Prinzipien des Journalismus. Zumindest nicht nach den Maßstäben, wie sie an westlichen Schulen gelehrt werden. oder auch an südkoreanische, japanischen oder chilenischen Schulen. Ich habe selbst in den Vereinten Arabischen Eiraten die Prinzipien des Journalismus gelehrt. Deshalb wurde mein Vertrag nach zwei Jahren nicht mehr verlängert und ich musste ausreisen.

Matt Duffy, IPI Congress, International Press Institut, Amman

Was waren Ihre Erfahrungen als Journalistikdozent in den Emiraten? Gibt es überhaupt ein Interesse von jungen Studenten am Journalismus und Pressefreiheit?

Auf der einen Seite sagen die Emiratis, dass sie eine Ausbildung nach internationalen Standards haben wollen. Aber in Wahrheit stellt sich heraus, dass sie das keineswegs wollen. Was sie wollen ist, dass Journalismus so gelehrt wird, wie er gerade im Moment auch praktiziert wird. Und das ist wenig kritisch und ohne die Mächtigen zu kontrollieren. Es gibt aber dennoch viele Studenten, die über Twitter und Facebook mit der westlichen Vorstellung von Journalismus in Kontakt kommen. Und die wollen das auch hören und wollen auch auf diese Weise gelehrt werden. Genau das ist aber das, wovor die Mächtigen Angst haben: Dass Informationen in das Land fließen und dieses von Grund auf ändern. Und das geschieht gerade.

Ist es richtig, wenn sich westliche Organisationen in die Vermittlung dieser demokratischen Werte in der Arabischen Welt einmischen?

Das ist sehr wichtig, denn es ist der einzige Weg, dass die international anerkannten Prinzipien des Journalismus ihren Weg in diese Länder finden. Es müsste noch viel mehr Projekte in diese Richtung geben. Wir müssen in diese Länder gehen und sagen: Das sind die internationalen Ansprüche von Menschenwürde. Und das sind internationale Ansprüche, die Regierung zu kritisieren. Dabei sprechen wir nicht über Menschenrechte, sondern wir machen diesen Ländern bewusst, dass es international anerkannte Normen gibt. Und dafür müssen wir ein Bewusstsein schaffen. Aber das ist natürlich ein langer Prozess und alles, was wir tun können ist weiterhin zu zeigen: Das sind die normativen Ziele und wir sollten alles versuchen diese zu erreichen und den arabischen Ländern dabei helfen. Genauso, wie wir zum Beispiel in den USA sagen: Es ist nicht rechtens, die Telefonverbindungen von Journalisten abzuhören.

(das Interview wurde aufgenommen am 21. Mai 2013)

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