Gegen Hamas und Fatah: Gaza Youth Breaks Out (GYBO)

2007 eskalierte der Machtkampf zwischen Hamas und Fatah. Die Palästinensergebiete waren von nun an politisch gespalten, da die Hamas in Gaza die Macht ergriff und die Fatah im Westjordanland. Dies führte zu einer großen Frustration bei palästinensischen Studenten über die beiden großen Parteien. Ähnlich wie Protestgruppen in Tunesien und Ägypten, gründeten einige der Studenten zusammen mit Bloggern und Aktivisten eine neue Gruppierung: Die Gaza Youth Breaks Out

(Der folgende Artikel erschien zuerst auf Fokus-Nahost.de)

Im Dezember 2010 gingen junge palästinensische Studenten mit einem Manifest an die Öffentlichkeit, bei dem eine enorme Frustration einer ganzen Generation junger und gebildeter, aber perspektivloser Menschen zum Ausdruck gebracht wurde: „We scream with all the power in our souls in order to release this immense frustration that consumes us because of this fucking situation we live in“. Ihr Ziel ist es die „Mauer des Schweigens“ zu brechen. Sie wollen die Ohnmacht und Perspektivlosigkeit nicht mehr tatenlos hinnehmen: „ENOUGH! Enough pain, enough tears, enough suffering, enough control, limitations, unjust justifications, terror, torture, excuses, bombings, sleepless nights, dead civilians, black memories, bleak future, heart aching present, disturbed politics, fanatic politicians, religious bullshit, enough incarceration! WE SAY STOP!“

Radikales Manifest für die Jugend

Schon die Einleitung des Manifests mit den Worten „Fuck Israel. Fuck Hamas. Fuck Fatah. Fuck UN. Fuck UNWRA. Fuck USA!“ zeigt, dass GYBO eine deutliche Sprache spricht, kein Blatt vor den Mund nimmt und sich auch gegen die beiden etablierten Parteien Hamas und Fatah richtet. Deren innerpalästinensische Streitigkeiten fügen  Ansicht der GYBO dem Ziel der Unabhängigkeit  erheblichen Schaden zufügen. Ein mutiger Schritt, wenn man bedenkt, dass doch gerade in Gaza seit der Machtübernahme der Hamas im Jahre 2007 die Ausübung der freien Meinungsäußerung zu einem halsbrecherischen Risiko geworden ist.

Blogs und soziale Netzwerke sind für diese Situation prädestiniert, denn sie ermöglichen es Aktivisten ihre Botschaft  auch anonym zu verbreiten und Mitstreiter zu mobilisieren. Kurz nach dem Beitritt zu Facebook am 13. Dezember 2010 hatte die eigens eingerichtete GYBO-Seite mehr als 10.000 Likes, seit Anfang August 2012 sind es über 25.000. GYBO ist auch im Westjordanland, vor allem in Betlehem und Ramallah, aktiv. Obwohl man sich auch für Angehörige islamistischer Organisationen wie Mahmud Sarsak einsetzte, der aus Protest gegen die israelische Administrativhaft in den Hungerstreik trat, ist das Erscheinungsbild eher säkular und gemäßigt nationalistisch.

In Blogs und sozialen Netzwerken diskutiert man über die Lage in den Palästinensergebieten – Auch mit Israelis.

Man stellt die „palästinesische Sache“ über alle religiösen und machtpolitischen Angelegenheiten. Ebenso sucht man mit Hilfe eines eigenen Blogs, auf dem auch das erste Manifest sowie eine Neufassung davon veröffentlicht wurden, den Kontakt zu internetaffinen und gebildeten jungen Erwachsenen. Auf der Facebookseite und dem Blog diskutiert man inzwischen angeregt, und scheut auch nicht den Kontakt mit Israelis, die der Siedlungspolitik der rechten Netanyahu-Regierung ablehnend gegenüber stehen.

Die Jugend setzt auf nationale Einheit

In Blogs und Foren rufen Aktivisten der GYBO zu Demonstrationen gegen die Spaltung der palästinensischen Führung und gegen die Fehde zwischen Fatah und Hamas auf und bringen dadurch beide Parteien spürbar in Bedrängnis. Am 15. März 2011 folgten zehntausende Palästinenser Aufrufen aus sozialen Netzwerken und forderten von den zerstrittenen Gruppen Fatah und Hamas eine „nationale Versöhnung“. Aufgrund inhaltlicher Überschneidungen mit dem Programm der säkularen und nationalistischen Fatah, steht GYBO als politische Heimat von jungen Palästinensern, die sich nicht explizit politisch-islamisch positionieren wollen, als ernst zu nehmende Konkurrenz der Fatah gegenüber.

Seit Anfang März 2011 ist ein Teil der Aktivisten mit einem al-Jazeera-Beitrag an die Öffentlichkeit getreten. Sie wollen sich nicht mehr verstecken, obwohl sie anfangs Angst um die Sicherheit ihrer Familien hatten. Fatah musste den Forderungen einiger Demonstrationen, die die Einheit Palästinas forderten, nachgeben. Auch vor diesem Hintergrund muss man neueste Entwicklungen hin zu einer neuen Bereitschaft zu einer Versöhnung mit der Hamas sehen.

Allmählich bilden sich in Palästina Alternativen zu den etablierten Parteien Hamas und Fatah. Im Gazastreifen sind es vor allem radikalere islamistische Gruppen die aufgrund der schlechten wirtschaftlichen und humanitären Lage und dem Versagen der politischen Führung der Hamas profitieren können. Gerade für junge Palästinenser aus dem studentischen Milieu und der Bloggerszene, könnte Gaza Youth Breaks Out eine neue politische Heimat werden.

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Einen ausführlichen Artikel über den Islamischen Jihad und Salafisten in den Palästinensergebieten finden sie hier

© Fabian Schmidmeier/DerOrient

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