Interview zur Islam-Debatte in Deutschland

Gestern wurde ich von Matthias Fischbach zu Themen der Islam-Debatten interviewt. Dabei stellte ich meine Sicht der Dinge zu Burka, Kopftuch, Ditib und die Radikalisierung von Jugendlichen dar

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Hallo Fabian, du hast gerade deine Masterarbeit mit dem Titel „Islam dynamisch gedacht“ geschrieben. Gratulation! Kannst du in fünf Sätzen erklären, worum es darin geht?

Religion und Moderne sind immer ein Spannungsfeld, da teilweise Jahrtausende alte Texte in einem modernen Kontext interpretiert werden müssen. Das ist auch beim Koran der Fall. In der Islamwissenschaft spricht man im Bezug auf islamisches Recht oder Werte und Normen auch von der „Dynamik des islamischen Rechts“. Zwei Denker mit dynamischen Ansätzen waren (weiterlesen)

Feindschaft und Burgfrieden: Ultraorthodoxe Juden und ihr Verhältnis zum Zionismus

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Treffen der ultraorthodoxen Agudat Jisrael 1923 in Wien

Seit 1948 gibt es einen unabhängigen Staat Israel. Für unsere Generation ist die Existenz einer solchen jüdischen Heimat Normalität. Denkt man an Jerusalem, so sind betende Muslime vor der al-Aqsa Moschee genauso selbstverständlich wie ultraorthodoxe Juden mit langen schwarzen Gewändern und Schläfenlocken vor der Klagemauer. Vor 100 Jahren aber war eine jüdische Heimstätte nicht mehr als eine Idee, deren Verfechter man „Zionisten“ nannte. Die Mehrheit der Juden lebte damals in Ostmittel- und Osteuropa und war stark ultraorthodox geprägt. Und diese waren so gar nicht begeistert von der Idee einer Gründung eines jüdischen Staates.

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BR-Radiobeitrag zum Projekt „Islam in Bayern“

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Radiobeitrag über das Forschungsprojekt „Islam in Bayern“. Neben Prof. Mathias Rohe und Dr. Mahmoud Jaraba komme auch ich zum Thema „Erstarken des Neosalafismus“ zu Wort

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Kommentiert: Die fragwürdigen „Islam-Analysen“ von Al Hayat TV – „Allah verbietet die Reform des Islam“

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Al Hayat TV ist ein Internetkanal, der vor allem durch Ex-Muslime betrieben wird. Vielen dieser Ex-Muslime ist in der Vergangenheit im Namen des Islam viel Leid angetan worden. Heute liefern sie Analysen, mit denen sie über das „wahre Gesicht“ des Islam aufklären möchten. Doch mit wissenschaftlicher Analyse hat das wenig zu tun.

Vielmehr greifen jetzt Seiten wie der Islamhasser-Blog Politically Incorrect gern auf diese Videos zurück. Diesen liefern die Protagonisten von Al Hayat TV, allen voran Sabatina James oder der Ex-Salafist Barino Barsoum, scheinbare Analysen islamischer Primärliteratur, die zum Beispiel die Falschbehauptung von Islamfeinden untermauern, dass Muslime eine „Erlaubnis zum Lügen“ (Taqiyya, was eigtl. eine andere Bedeutung hat) gegenüber Nichtmuslimen hätten. Bei einem neuen Video von Barino kann die bewusste Unsauberkeit in der Analyse verdeutlicht werden. Das Video heißt „Allah verbietet die Reform des Islam“. Im Titel steckt bereits das Ergebnis, das einem vernichtenden Urteil gleichkommt: Der Islam sei dazu verdammt immer so zu bleiben wie er ist, nämlich böse und gewalttätig und mit der hiesigen Werteordnung unvereinbar.

Das Credo vieler, die den Islam für unvereinbar mit dem Grundgesetz halten,  ist das von Barino Barsoum: Im Islam kann es keine Erneuerung und damit auch keinen Islam im Einklang mit den hier geltenden Gesetzen und den Menschenrechten geben. Barsoum zitiert einen Hadith nach Abu Dawud: „… die beste Rechtleitung ist die Rechtleitung Mohammeds und die böseste Sache ist diese zu erneuern und jede Erneuerung in der Religion (…) ist eine Irreführung“. Das arabische Wort für Barsoums Übersetzung „Erneuerung“ ist Bidʿa. Den entscheidenden Aspekt lässt Barsoum allerdings weg. Bidʿa heißt nämlich „unerlaubte Erneuerung“ und gerade das Adjektiv „unerlaubt“ ist hier von entscheidender Bedeutung. (vgl. Robson, J., Bidʿa, in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition). Kurz: Erneuerung ist erlaubt, muss aber religiös begründet werden.

Unerlaubte und erlaubte Erneuerung

Eine Erneuerung innerhalb der Religion solle, so die allgemeine Vorstellung im Islam, also innerhalb des Werte- und Normengefüges der Religion und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religion vorgenommen werden. Insofern ist der Begriff der „unerlaubten Erneuerung“ sehr weit ausdehn- und interpretierbar. In der islamischen Gelehrsamkeit gibt es komplizierte und große Debatten darüber, was denn erlaubte Erneuerungen und unerlaubte Erneuerung in Bezug auf den Islam sein können.(vgl. Rohe, Mathias: Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, S. 92; S. 194ff.).

Erlaubte Erneuerungen finden sich in der Dynamik der islamischen Rechtslehre, sie sind Normalität. Über die 1400 Jahre seit der Entstehungszeit des Islam haben sich unzählige solcher erlaubter Erneuerungen ereignet. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die vierte Rechtsquelle nach Koran, Sunna und Gelehrtenkonsens bildet der Idschtihad, das eigenständige Raisonnement. Idschtihad kommt von der Wortwurzel dsch-h-d, was „sich anstrengen“ bedeutet. Der Muslim strengt hier seine geistigen Kräfte an, um z. B. zu einem neuen Ergebnis zu kommen. (hier: ausführlicher zum Idschtihad)

Auch moderne islamische Reformdenker wie Muhammad Asad (1900-1992; urspr. aus Lemberg, Österreich-Ungarn) und Muhammad Iqbal (1877-1938; Sialkot, Britisch-Indien) beriefen sich in ihren Konzepten zur Neuinterpretation islamischer Werte und Normen auf das eigenständige Raisonnement. Dies untermauerten sie mit einem Hadith, der eine Begegnung zwischen dem Propheten Muhammad und einem muslimischen jemenitischen Richter festhält:

„Der Prophet fragte Muadh ibn Dschabal (…) : ‚Worauf wirst du dein Urteil gründen?‘ Muadh antwortete: ‚Auf das Buch Gottes.‘ Muhammad fragte weiter: ‚Und wenn du im Buch Gottes nichts findest?‘ Muadh antwortete: ‚Dann auf die Überlieferung [sunna] des Propheten.‘ Muhammad fragte noch einmal: ‚Und wenn du auch dort nichts findest?‘ Muadh antwortete voller Selbstvertrauen: ‚Dann werde ich mich nach Kräften bemühen [adschtahidu], mir eine eigene Meinung zu bilden.‘ Die Antwort stellte den Propheten zufrieden und er schloss mit den Worten: ‚Gelobt sei Gott, Der den Gesandten Seines Gesandten angeleitet hat. Der Gesandte Gottes ist zufrieden mit seiner Antwort‘“ (Übersetzung nach Tariq Ramadan in Ramadan, Tariq: Muhammad. Auf den Spuren des Propheten, Diederichs Verlag: München 2009, S. 257)

Muhammad Iqbal und Muhammad Asad entwickelten darauf basierend ganz unterschiedliche moderne Konzepte. Ersterer versuchte beispielsweise europäische Philosophie mit der islamischen Ideengeschichte in Einklang zu bringen und islamische Begriffe philosophisch zu deuten und zu erklären. Für Asad bedeutete der Idschtihad unter anderem die Anstrengung des eigenen Verstandes für eine ständige Neuinterpretation.

Es gibt noch einige andere Ansätze wie den der Maqasid asch-Scharia (Sinn und Zweck der jeweiligen Norm), wo nicht der Wortlaut einer Norm, sondern der Sinn und Zweck dahinter von entscheidender Bedeutung sind. Denker, die diesen Ansatz verfolgen, gibt es nicht nur heute, auch in der Geschichte verfolgten islamische Gelehrte diesen Weg. Prominente Beispiele wären klassische Denker wie Ibn Qaiyim al-Dschausiya (1292-1350) oder Schatibi (gest. 1388).

Ein anderer Ansatz zur Möglichkeit von Neuinterpretationen ist die „Abrogation der Verbindlichkeit unter Beibehaltung des Texts“ (arab. Naskh dun at-Tilawa). Bei gewaltbeinhaltenden Versen, wie den Schwertversen in 9:29 ff., wird das beispielsweise so gehandhabt, dass diese Zeilen in ein historisches Ereignis eingeordnet werden, für diese Zeit ihre konkrete Gültigkeit haben aber eben keine Befehle für die heutige Zeit sind. Wichtig hierbei ist die Hadithliteratur der Offenbarungsanlässe (arab. Asbab an-Nuzul, Artikel dazu hier), deren Bedeutungen bei der historischen Kontextualisierung von Koranversen unerlässlich sind. Die al-Azhar-Universität beispielsweise veröffentlichte im Jahre 2011 eine Stellungnahme, in der Dschihad von nun an offiziell als  defensive Vaterlandsverteidigung (difa‘ an al-watan) definiert und aus dem historischen Kontext in einen modernen nationalstaatlichen und völkerrechtlichen Rahmen gesetzt wird. (vgl. Rohe, Mathias: Das islamische Recht, S. 178 ff., 260). Dies sind nur wenige ausgewählte Beispiele für Erneuerungen.

Die Aussage „Allah verbietet die Reform des Islam“ ist falsch

Angesichts zahlreicher historischer und zeitgenössischer Beispiele „erlaubter Erneuerung“ innerhalb der islamischen Gelehrsamkeit ist die These, vorgetragen von Barino Barsoum, Koran und Sunna verböten jegliche Erneuerung, falsch. Es ist gut möglich, dass Barsoum seine eigene alte salafistische Überzeugung auf den gesamten Islam projiziert. In jeder Religion müssen religiöse Erneuerungen im Rahmen der Religion erfolgen, also auch religiös legitimiert werden. Das heißt nicht, dass sie verboten sind. Das ist im Judentum oder Christentum nicht anders als im Islam. Die Sprecherinnen und Sprecher von Al Hayat TV haben im Namen des Islam viel Leid erfahren. Vor diesem Leid habe ich tiefen Respekt. In der islamischen Welt gibt es brutale patriarchale Strukturen und viele Verbrechen im Namen des Glaubens. Diese Probleme sind nicht weg zu diskutieren. Trotzdem sind viele der Behauptungen von Al Hayat TV und Barsoum inhaltlich nicht korrekt. Während Barino derartige Inhalte in Analysen verpackt verbreitet, ist sein Vater, Morris Barsoum, Redner bei PEGIDA und Aktivist an der Seite des vom Verfassungsschutz beobachteten Michael Stürzenberger von Politically Incorrect. So schließt sich der Kreis.